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Theodor Lessing : Niemand war solidarisch mit diesem Quälgeist

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Theodor Lessing (1872 bis 1933) auf einer undatierten Aufnahme Bild: dpa

Er war eines der ersten prominenten Opfer der Nationalsozialisten: Eine Erinnerung an den Publizisten, Philosophen und Schriftsteller Theodor Lessing anlässlich seines 150. Geburtstags.

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          Der Hass auf ihn kannte weder Maß noch Grenze. Im Dezember 1924 hatte Theodor Lessing als Gerichtsreporter im Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann Justizwesen, Polizei und Gerichtsmedizin mitverantwortlich für die Verbrechen gemacht und die Richter aufgefordert, in ihrem Urteil das Milieu zu berücksichtigen, in dem der homosexuelle Haarmann ungestört hatte wüten können. Lessing wurde daraufhin der Zutritt zum Gericht verwehrt, die Technische Hochschule Hannover, an der er seit 1908 als Privatdozent für Philosophie unterrichtete, leitete ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein: Lessing habe die „Würde des akademischen Standes“ zutiefst verletzt.

          Am 25. April 1925, zehn Tage nach der Hinrichtung Haarmanns, publizierte Lessing, wiederum im „Prager Tagblatt“, einen Artikel zur Reichspräsidentenwahl. Konservative und Rechte hatten sich für den zweiten Wahlgang am nächsten Tag auf Paul von Hindenburg, pensionierten Feldmarschall und Ehrenbürger von Hannover, als Kandidaten für die Nachfolge Friedrich Eberts verständigt. Man solle sich vom Blick dieses „treuen Bernhardiners“ nicht täuschen lassen, warnte Lessing.

          Denen, die argumentierten, es sei noch immer besser, „einen Zero als einen Nero“ auf dem Thron zu haben, hielt er im Schlusssatz entgegen: „Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“ Wütende Studentenproteste zwangen Lessing, sich vorübergehend beurlauben zu lassen, ein Jahr später wurde er von seiner Lehrtätigkeit entbunden. „Es ist möglich, dass solch ein fanatischer Querkopf mich niederschlägt, wie sie Rathenau und Harden niedergeschlagen haben“, schrieb er damals. „Und auch damit rechne ich, dass ich aus der Heimat fort muss und wieder neu beginnen.“

          Feinde hatte er in allen Lagern

          Am Abend des 30. August 1933, sieben Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde Theodor Lessing im böhmischen Exil in Marienbad am Schreibtisch sitzend von ebensolchen Fanatikern erschossen. Goebbels, der die Kalamitäten von 1925 auf infame Weise vermengt hatte, indem er behauptete, „der jüdische Geschichtsprofessor [habe] den Herrn Reichspräsidenten in ausländischen Blättern mit dem Massenmörder Haarmann verglichen“, soll ein auf Lessing ausgesetztes Kopfgeld kurz zuvor noch einmal verdoppelt haben. Thomas Mann hielt in seinem Tagebuch fest: „Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“

          Hatte sich Lessing, dieser notorische Quälgeist, den Märtyrertod im Exil womöglich also selbst zuzuschreiben? Nicht nur von Nationalisten und Antisemiten wurde er leidenschaftlich gehasst, auch viele von denen, die seine freiheitlichen, humanistischen und liberalen Ideale eigentlich hätten teilen sollen, machten einen Bogen um ihn. Nicht einmal die Juden gewährten ihm Solidarität. Als der preußische Kultusminister im Sommer 1925 Koryphäen der deutschen Wissenschaft um Gutachten zum „Fall Lessing“ bat, bezeichnete ihn sein akademischer Lehrer Edmund Husserl als einen „Charakter von ungewöhnlicher Niedrigkeit“, Max Scheler nannte ihn grenzenlos subjektiv und unberechenbar. Und Sigmund Freud diagnostizierte, allerdings erst nach Lessings Tod, dieser habe wohl ein Problem gehabt mit seiner jüdischen Identität, möglicherweise sei Selbsthass ja „ein exquisit jüdisches Phänomen“.

          Das Trauma Klages

          Freud bezog sich auf eine Schrift Lessings von 1930, „Der jüdische Selbsthass“, in der dieser an sechs Lebensläufen unterschiedliche Grade der Selbstverleugnung im deutsch-jüdischen Akkulturationsprozess aufzeigte. Lessing hätte auch aus seiner eigenen Vita erzählen können. Die Freundschaft seines Lebens, die frühe Verbindung mit dem Schulkameraden Ludwig Klages, war 1899 von diesem abrupt beendet worden; sie hätten sich seit Längerem entfremdet, schrieb Klages in einem Abschiedsbrief, ihre Wege müssten sich nun trennen. Lessing war fassungslos und suchte den Freund auf. Der sprach ihn mit „Sie“ an. Inhaltliche Differenzen seien doch kein Grund zu Feindschaft, beschwichtigte Lessing. „Da aber brach aus Klages unbeherrscht heraus: ‚Du bist ein ekelhafter, zudringlicher Jude.‘“

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