Dankesrede von Lutz Seiler : Vortanzen vor dem Knochenausschuss

Wozu Lyrik? Es gibt keinen vernünftigen Grund, Gedichte zu schreiben, der Antrieb, es doch zu tun, wurzelt im Unsichtbaren. Eine Dankesrede zum Konrad-Adenauer-Preis.
Mein Jahrgang, dreiundsechzig, war ein heute unvorstellbar geburtenstarker Jahrgang. Da es in meinem Alter einfach zu viele Kinder gab, eine regelrechte Kinderschwemme, wie öfters erklärt wurde, hatte man auch den Speisesaal unserer Schule zu einem Unterrichtsraum umfunktioniert. Die Essenausgabe wurde provisorisch im Keller eingerichtet. In einem schlecht beleuchteten Raum unter der Erde, der früher als Waschraum gedient hatte, lagen jetzt schmale, hölzerne Platten über den Waschbecken, die Wasserhähne waren abmontiert. Entlang der gekachelten, mit Spiegeln besetzten Wände saßen wir dann wie an langen, festlichen Tafeln, wenn auch nur einseitig, nur mit dem eigenen, fleckigen Spiegelbild als Gegenüber, in dem man oft etwas krank aussah und sich kaum wiedererkennen konnte.
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