Til Mette wird 70 :
Der gute Mensch von der bissigen Fraktion

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Til Mette
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Seit mehr als vierzig Jahren ist Til Mette ein Musterkarikaturist: böse im Blick, reizend im Umgang. An diesem Mittwoch wird er siebzig.

Vor acht Wochen bekam Til Mette den Karikaturenpreis der Deutschen Anwaltschaft verliehen, eine der wenigen Auszeichnungen für diese Kunstform im deutschen Sprachraum, und in seinem Dank blickte er zurück auf die eigene Karriere. Da hätte Bitterkeit anklingen können, denn erst vor einem Jahr hatte die Illustrierte „Stern“ die wöchentliche Cartoonseite gestrichen, die von ihm 30 Jahre lang bestritten worden war. Doch so böse Mette berufsbedingt sein kann, so dankbar zeigte er sich dafür, dass er derart lange ein derart breitenwirksames Forum eingeräumt bekommen hatte. Und überhaupt widerspricht Til Mettes Herzlichkeit im persönlichen Umgang jedem Klischee vom bösen Blick eines Karikaturisten.

Selbstverständlich hat er ihn dennoch: auf dem Papier. Wenn da etwa ein gerade ins Paradies eingezogener Mönch von Gottvater mit einem leicht geschürzten Engel auf dem Schoß empfangen wird und der erkennbar virile göttliche Gespiele sagt: „Und Sie dachten, das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass Gott eine Frau ist ... stimmt’s?“ Oder eine etwas weniger sterbefreundliche Zeichnung zwei Sensenmänner zeigt, von denen einer eine Kettensäge trägt: „Die ist für Privatpatienten. Da muss alles schneller gehen.“ Mette verfügt über eine gehörige Portion Zynismus, und gerade das macht ihn in der eher weichgespülten Szene der deutschen Gegenwartskarikatur besonders.

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In ihr sind bissige Vertreter selten geworden; die Zeiten der von Wokeness bestimmten Empfindlichkeiten sind ihnen nicht zuträglich. Immer mehr sind deshalb auch Karikaturen nicht mehr persönlichkeits-, vulgo politikerorientiert in ihrem Spott, sondern stellen auf allgemeingültige Schwächen ab – mit der Folge, dass auch der Witz allgemeingültig und somit witzlos wird. Mette war zwar auch nie ein Persönlichkeitskarikaturist, aber er hat unverwechselbare Typen geschaffen, die er zeichnerisch malträtiert. Karikatur erfordert einen gewissen Grad an solcher Höflichkeitsverletzung, aber daran ist noch niemand der Karikierten gestorben. Ganz im Gegensatz zu Karikaturisten selbst, wie man spätestens seit dem Massaker von 2025 in der Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ weiß.

Von Bremen nach Bremen mit einem Umweg über die USA

Mette, gebürtiger Bielefelder (wie erstaunlich viele deutsche Humoristen unterschiedlichster Sparten), fand als Kunststudent in Bremen zur Karikatur, als er die dortige Lokalredaktion der „tageszeitung“ mitbegründete und kurzerhand selbst Hand anlegte, als es an Zeichnungen mit Lokalbezug mangelte. Mehr als 30 Jahre später sollte es dann der Bremer „Weserkurier“ werden, bei dem sich eine Karikaturistenkarriere, die zwischendurch auch einen fast anderthalb Jahrzehnte währenden USA-Aufenthalt umfasste, geographisch rundete, als Mette seine neue tagespolitische Heimat wieder in Bremen fand. Sie bot ihm gegenüber dem wöchentlichen Auftritt im „Stern“ den Reiz der spontanen Reaktion auf Ereignisse.

Und wenn es etwas gibt, das sich Til Mette bewahrt hat, dann ist es die Freude am Unberechenbaren in seinem Beruf. Schnelligkeit, Witz und grafische Qualität sind zwar gesetzt, aber worauf sie Anwendung finden, das ist jeden Tag neu. Und das hält Mette nicht nur künstlerisch bei Laune, sondern auch in Form. Heute feiert er in Hamburg (das darf man natürlich niemandem in Bremen sagen) seinen siebzigsten Geburtstag.

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