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Jean Starobinski wird 95 : Die Kunst der Lektüre

Auf dem Weg der Masken: Jean Starobinski Bild: Picture-Alliance

Seine Bücher sind längst Klassiker, und nicht bloß auf akademischem Terrain: Dem Genfer Ideenhistoriker, Literaturwissenschaftler und Kritiker Jean Starobinski zum Fünfundneunzigsten.

          Im vorigen Sommer war im Louvre eine exzellente kleine Ausstellung rund um Masken und Maskeraden zu sehen. Als man dann den stattlichen Katalog aufschlug, wunderte es einen nicht, ihm einen Text von Jean Starobinski vorangestellt zu sehen. Wem sonst sollte solch ein anregender Parcours die Reverenz erweisen als dem großen Genfer Gelehrten und Kritiker, für den sich im Phänomen der Maske so viele seiner Fragestellungen verknüpfen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Feinde der Masken“, so hat er es bei Entgegennahme eines der vielen Preise, die ihm zugesprochen wurden, einmal erzählt, war der Titel seines ersten Dissertationsprojekts bei Marcel Raymond in Genf. An Texten von Montaigne über Rousseau und Stendhal bis Valéry sollten die Figuren der Kritik an Verstellung und täuschendem Schein untersucht werden. Es kam dann doch etwas anders, mit der Konzentration zuerst auf Rousseau, dann auf Montaigne, denen er zwei große und längst zu Klassikern gewordene Studien widmete, die komplementäre Figuren der Anprangerung und Rechtfertigung des Scheins vorführen.

          Medizin und Ideengeschichte

          Die Literatur und auch die Musik hatte den 1920 als Sohn polnischer Emigranten in Genf geborenen Starobinski früh angezogen. In seiner Heimatstadt studiert er während der Kriegsjahre die lettres classiques, verkehrt im Kreis um den emigrierten Pierre Jean Jouve, schreibt seine ersten Kritiken, wird Assistent für französische Literatur. Doch er studiert auch Medizin, wird Assistenzarzt zuerst an einer internistischen Abteilung, später in einer psychiatrischen Klinik im nahen Lausanne, bevor er für drei Jahre an die John Hopkins Universität geht, wo er auf die Spur der Ideen- und Wissenschaftsgeschichte kommt und auch den Stilanalytiker Leo Spitzer kennenlernt. Für die Erlangung des medizinischen Doktortitels schreibt er danach über die Geschichte der Melancholiebehandlung: wissenschaftsgeschichtlicher Auftakt einer später immer wieder aufgenommenen Beschäftigung mit literarischen und künstlerischen Verarbeitungen der Melancholie.

          Akademisch blieb er von 1958 an der Universität seiner Heimatstadt treu, auf einem Lehrstuhl für Ideengeschichte und französische Literatur, und führte in seinen Büchern vor, wie sich weite Perspektiven und „anthropologische“ Interessen mit ganz nah an den Texten bleibenden Lektüren einlösen lassen. Worte sind da erst einmal Worte, aber man muss sie zum Leitfaden zu nehmen wissen, zum Beispiel für eine medizinische und literarische Geschichte eines Gefühls wie der Nostalgie oder des Körperempfindung oder für eine noch viel weiter über die Disziplinen ausgreifende Geschichte der Vorstellungen, die sich im Wortpaar „Aktion“ und „Reaktion“ ausprägten.

          Die zeitgenössischen Dichter im Blick

          Aber es müssen nicht Worte, es können auch hinzutretende Bilder sein, zum Beispiel jene, die den „Künstler als Gaukler“ in Szene setzen, oder Gemälde des achtzehnten Jahrhunderts, um die Heraufkunft der Aufklärung zu sondieren („Die Erfindung der Freiheit“), die dann ihre “Embleme der Vernunft“ findet, oder Bilder des Gebens und der Gabe, wie sie Starobinski einmal auf Einladung des Louvre zu einer Ausstellung zusammenstellte („Gute Gaben, schlechte Gaben“).

          Über die historischen Perspektiven sind ihm dabei nie die zeitgenössischen Dichter aus dem Blick gekommen, denen er sich von Anfang an widmete, wie etwa Henri Michaux, René Char, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet. Spät erst erschien ein Buch über die Oper, „Die Zauberinnen“, und aus den Studien zu Diderot wurde zwar keine Monographie, aber vor Kurzem noch ein schöner Band, während die Doktorarbeit über die Melancholiebehandlung nun am Anfang einer Sammlung steht, die melancholische Figuren von der Antike bis hinauf ins zwanzigste Jahrhundert verfolgt.

          Die frühen wie die späten Texte zeigen eine Kunst der Betrachtung und Lektüre, die sich nie, wie reich ihre Register auch sind, vor die Texte selbst schiebt. Effektvolle Prosa ist Starobinski fremd, terminologischer Aufwand auch, und Theorie stellt er nicht aus. Jetzt ist dieser große Leser und Interpret fünfundneunzig Jahre alt geworden.

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