FAZ+ (abopflichtiger Inhalt);Buchrezension :
Was könnte gegenwärtiger sein als eine Oligarchennovelle?

Von
Wolfgang Schneider
Lesezeit:
Die Autorin: Helene Hegemann
Die Autorin: Helene HegemannClaudia Klein

Mit geringer Erzähllogik Groteskes und Krasses aneinanderreihen: Helene Hegemann übt sich mit dem Band „Schlachtensee“ in der Form der Kurzgeschichte.

Mit siebzehn Jahren wurde Helene Hegemann zum „Wunderkind der Bohème“. Ihr Roman „Axolotl Roadkill“ wurde für seine vermeintliche „Authentizität“ bejubelt und von vorwiegend älteren Kritikern als brisanter Report aus der jugendlichen Feierzone gelesen. Als sich dann aber herausstellte, dass Hegemann mehr zitiert als erlebt hatte, schlug die Stimmung jäh um: Plagiat, Machwerk! Bis man nach langen Debatten schließlich übereinkam, gerade darin eine besonders zeitgemäße Form des Schreibens zu sehen. Zwölf Jahre und einige Bücher später ist Helene Hegemann eine arrivierte Autorin – und doch versprechen sich viele von ihr immer noch eine erhöhte Dosis Gegenwärtigkeit.

Was könnte gegenwärtiger sein als eine Oligarchennovelle? Um Wohlstandsverwahrlosung auf höchstem Niveau geht es in der mit sechzig Seiten längsten Geschichte von Hegemanns neuem Erzählband „Schlachtensee“. Die Ich-Erzählerin schildert Erlebnisse mit dem milliardenschweren Russen Arkadij und den Frauen in seinem Bannkreis. Der Oligarch ist nach der skrupellosen Phase des Vermögenserwerbs ins Spätstadium des Philanthropen übergegangen, gründet Stiftungen und Kinderkrankenhäuser. Die Erzählerin vergisst aber nicht, dass an seinem Geld „Gehirnmasse“ klebt. Und dass er Freunde hat, vor denen man sich in Acht nehmen muss, auch wenn Arkadij zu martialischem Gefasel neigt: „Er setzte zu einem ausführlichen Monolog über Kumpels an, die im Jugoslawienkrieg schwangere Frauen getötet hätten und in deren Gesichtern man seitdem das Jenseits sehe. Blabla.“ Dergleichen als „Blabla“ abzutun erfordert einige Abgebrühtheit. Ist es ein Versuch, die Souveränität über die monströse Männlichkeit zurückzugewinnen?

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