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Kolumne „Bild der Woche“ : Der unheimliche Blick auf die Freiheit

  • -Aktualisiert am

Arne Reinhardt war 21 Jahre alt und kam aus Leipzig, als er im Sommer 1990 dieses Foto vom Grenzstreifen zwischen Alp Treptow und Kreuzberg aufnahm. Bild: Arne Reinhardt

Berlin, im Sommer 1990: Die Mauer steht noch, aber existiert nicht mehr. Das private Leben erobert den Todesstreifen. Normalität, wo keine war. Ein Foto dokumentiert diese vergessene, utopische Übergangszeit.

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          Berlin ist von Geschichte durchpeitscht. Bloß ist das keine Metapher, sondern Topographie. Die Teilung hatte die Spuren des Weltkrieges für Jahrzehnte konserviert. Bis zum Ende der neunziger Jahre war der Potsdamer Platz ein Loch in der Erde, eine Ödnis in der Mitte der Stadt. Es gibt nun keine Mauer mehr, aber sie hat Narben im Stadtbild zurückgelassen. Diese Spuren sind eine ambivalente Attraktion. Berlin zeigt seine schmerzenden Stellen, zugleich prahlt es damit wie ein Pirat mit seinen großen Narben, als wären sie Zeichen einer abenteuerlichen Erfahrung.

          Die Mauer-Narbe ist nun fast überall überwachsen. Manchmal verlangt sie schon jetzt eine beinahe archäologische Recherche, als würde man sich mit dem Leben einer fernen Zivilisation beschäftigen. Dieses Bild stammt von 1990, als die Mauer noch stand, aber nicht mehr existierte. Ein friedliches, fast bukolisches Bild. Aber auch eine präzise Inspektion der Zeit: Bis zu diesem Sommer 1990 waren viele Mauerteile bereits weggeräumt worden, zuerst jene, die Straßen, Plätze und Brücken teilten.

          Auf dem Bild sehen wir ein intaktes Stück Mauer am Fluss, die nächste Öffnung ist ganz in der Nähe, nur wenige Meter entfernt. Es erinnert an die Erzählung von Kafka, „Beim Bau der Chinesischen Mauer“. Dort wurde die Mauer in derartig langen Stücken gebaut, dass die Menschen glaubten, dass sie keine Unterbrechungen hätte.

          „Beschaubrücke“

          Das Gelände befindet sich in Alt Treptow (Osten) direkt gegenüber dem Görlitzer Park (Westen), wo sich noch bis Mitte der achtziger Jahre ein riesiger Bahnhof befand. Die Güterzüge, die aus der DDR kamen und West-Berlin belieferten, fuhren direkt an diesem Gelände entlang, durch zwei Kontrolltore in der Mauer, über eine massive Eisenbahnbrücke direkt in den Park. Genau diese Tore wurden beim „Mauerfall“ einfach geöffnet. Der 21-jährige Fotograf aus Leipzig, der im Sommer 1990 bei seinen Freunden in Kreuzberg wohnte, ging zu Fuß durch die offenen Tore und stand am Todesstreifen.

          Dieses Foto hat er von einer „Beschaubrücke“ aus geschossen, einem Steg, von dem aus DDR-Grenzsoldaten Züge, die von Ost nach West fuhren, kontrollierten. „Beschau“, ein unheimliches Wort: Zollbeschau, Fleischbeschau, Leichenbeschau. Von dieser Brücke blickt der Fotograf auf ein Zeltlager und die Spielenden. Im linken Teil des Bildes wimmelt es von Gebäuden, Bäumen und Zelten. Der Westen, das Görlitzer Ufer. Die rechte Seite ist leer, eine flache Wiese, und wird erst belebt von den beiden Menschen, die Federball auf dem Todesstreifen spielen, und einem Mann, der an der Mauer entlangspaziert. Der Todesstreifen wird vom privaten Leben erobert. Für Erholung, für Normalität.

          Kann der Fotograf genau wissen, was er dort sieht? Woher die Menschen kommen, wohin sie sich bewegen in ihrem Spiel? Und jene im Zeltlager, sind sie Touristen, die aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen sind? Oder nur die nette Nachbarschaft? Anhänger der „Wagenburg-Kommune“, falls sie damals schon existierte? Der Fotograf hatte den Überblick, hatte aber keine Hoheit über die Deutung, und genau das war das Zeichen der neuen Zeit: Man schaute, aber man „beschaute“ nicht mehr. Selbst von dieser Brücke nicht, die wie ein großer Rahmen immer noch dort über dem Weg steht, geschmückt mit dem Wort „Utopia“.

          In den letzten Wochen haben wir eine Jubiläumsflut von Mauerbildern erlebt, menschliche Dokumente, die starke Emotionen hervorrufen. Dieses Bild ist dagegen beinahe abstrakt, schematisch, man sieht keine Gesichter, trifft auf keinen Blick. Und doch verblüffte mich das Bild, weil es mir etwas über die Zeit danach erzählt. Nach dem Mauerfall, nach der Perestrojka-Zeit der Öffnung und Begeisterung. Die Zeit, in der unbelebte Orte und weiße Flecken belebt und beleuchtet wurden, verging schnell, wie die Zeit von gemeinsamen Taten und gemeinsamer Mühe. Die Erforschung eines privaten Lebens, eines Lebens, in das sich der Staat nicht einmischt, war neu.

          In diesem leichten Federballspiel sehe ich die verdünnte Luft der Freiheit, die zuerst das Vergnügen des Privaten schenkte, den Raum, und die dann durch Zersplitterung und Atomisierung quälte. Durch eine Einsamkeit, die kein Mensch in dem Staat kannte, der einen beschaute.

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