Aus für Zeitschrift : Für die Emma-Abschiedsfeier ist der Tisch in Paris schon reserviert

Seit den Neunzigerjahren suchte die 83 Jahre alte Feministin und Publizistin Alice Schwarzer eine Nachfolgerin für die „Emma“. Sie fand keine, die blieb. Nach 50 Jahren stellt sie das Magazin nun ein.
Die kommende Ausgabe, die ab dem 27. Oktober am Kiosk erhältlich sein werde, sei die vorletzte. Die letzte Ausgabe im Dezember werde doppelt so umfangreich wie gewöhnlich sein und zum 50. Geburtstag Bilanz ziehen mit den 50 wichtigsten Themen des Magazins. Für deren Titelbild stellt die Redaktion das Cover der ersten Ausgabe nach.
Grund für das Aus war, so Schwarzer, nicht die wirtschaftliche Lage
Die erste Ausgabe der „Emma“ war am 26. Januar 1977 erschienen. Das Magazin, dem anfangs keine lange Zukunft vorausgesagt wurde, habe, so Schwarzer, immer wieder „informiert, aufgeklärt, analysiert und provoziert“. Vorausgesagt worden seien ihm damals nur zwei Ausgaben, sagte Schwarzer. Die erste erreichte eine verkaufte Auflage von 300.000 Exemplaren. Zu den Themen, über die „Emma“ früh diskutierte, gehörten Kindesmissbrauch, Islamismus, Brustkrebs, Genitalverstümmelung oder Ehegattensplitting.

Da „Emma“ bis heute in der Hand von Alice Schwarzer blieb, konnte das Magazin weitgehend unabhängig von politischer oder ökonomischer Fremdbestimmung agieren. Wirtschaftliche Gründe seien auch bei der Einstellung des Magazins nicht ausschlaggebend. „Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben“, versicherte Schwarzer in der Erklärung. „Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“
Schwarzer erläuterte gegenüber der „Zeit“ die wirtschaftliche Lage noch ausführlicher. Vor nicht allzu langer Zeit habe „Emma“ 30.000 Abonnentinnen gehabt, heute sei es die Hälfte, dazu komme der schwankende Kioskverkauf. Seit einigen Jahren brächen die jungen Leserinnen weg, es gebe einen „eindeutigen Generationenbruch“ und einen Wechsel vom Gedruckten zum Digitalen. Das Geld sei ihr aber nicht ausgegangen, sie habe noch Reserven, „und alle Mitarbeiterinnen bekämen Abfindungen“.
Schwarzer will sich ihrer Autorentätigkeit widmen
Eine Nachfolgerin für die Chefredaktion habe sie seit den Neunzigerjahren immer wieder gesucht, sagte Schwarzer. Die eigenen Redakteurinnen hätten abgelehnt, weil sie wüssten, was für eine „Mörderarbeit“ das sei; mehrere Kandidatinnen hätten nach anfänglichem Interesse abgewinkt. 2008 übernahm die Fernsehjournalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion und verließ das Blatt nach kurzer Zeit wieder. Der Fehler sei gewesen, so Schwarzer, eine Kollegin ohne jede Printerfahrung anzusprechen. Eine weitere, erfahrene Chefredakteurin habe später den Vertrag unterschrieben und sei dann einfach nicht erschienen.
Ihre Gegnerinnen seien von Anfang an linke Feministinnen gewesen, stellte Schwarzer klar. Mit ihnen habe der autonome Feminismus, für den sie stehe, mehr Probleme als mit konservativen. Als eigenen Irrtum nannte Schwarzer, dass sie sich 1983 dafür eingesetzt habe, transsexuelle Frauen in die Frauenzentren zu lassen. „Da hätte ich genauer nachdenken müssen.“
Mit zwei Kolleginnen wolle Schwarzer weiterarbeiten, eine von ihnen kümmere sich künftig um den Onlineauftritt der „Emma“. Das Archiv des Magazins solle an das Literaturarchiv in Marbach gehen. In den Ruhestand wolle sie nicht gehen, sondern endlich wieder Autorin sein. „Es hat mich vor der ‚Emma‘ gegeben, und es wird mich auch danach geben“, sagte Schwarzer. Im Dezember werde sie trotzdem ganz bestimmt weinen. „Die ‚Emma‘ wird uns furchtbar fehlen.“ Den Abschied feiere die Redaktion mit Champagner in Paris, der Tisch sei schon reserviert.





