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Kommentar : Geld, Macht, Sex

Zweifelhafte Charaktere: Kevin Spacey als Frank Underwood in der Serie „House of Cards“ Bild: dpa

Die Aktie Kevin Spacey ist im Jahr 2017 abgestürzt. Daraus lassen sich zwei ökonomische – also moralfreie – Lehren ziehen.

          Machen Sie den Test: Schauen Sie sich zum Jahreswechsel noch einmal ein paar Folgen von „House of Cards“ an und prüfen Sie, ob die Qualität der schauspielerischen Leistung des Protagonisten Kevin Spacey (alias Frank Underwood) gelitten haben könnte durch Ihr Wissen um die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Hauptdarsteller.

          Alles spricht dafür, dass die Antwort „nein“ lautet. Man muss privat kein guter Mensch sein, um ein brillanter Schauspieler, erfolgreicher Manager oder genialer Denker zu sein. Im Fall von Kevin Spacey ist die Sache noch ein wenig verzwickter: Er ist ein Mann von zweifelhaftem Charakter, der im Film auf geniale Weise einen Mann von zweifelhaftem Charakter spielt. Würden nur gute Menschen als Schauspieler, Manager oder Intellektuelle zugelassen, sähe die Welt deutlich ärmer aus.

          Halten wir also zunächst fest: Kunst, Wirtschaft, Politik und Moral sollten fein säuberlich getrennt bleiben. Wie kommt es dann aber, dass nach den Vorwürfen über die sittlichen Verfehlungen des Menschen Kevin Spacey dieser aus den künftigen Folgen der Serie „House of Cards“ ein für allemal verbannt wurde und für einen neuen Film quasi in letzter Minute in einer Art Notoperation aus dem Film herausgeschnitten und durch einen anderen Schauspieler ersetzt wurde?

          Zusätzliche Kosten in Kauf genommen

          Ridley Scott, der Regisseur des neuen Films, hat auf die Frage der Notoperation kürzlich in schöner Klarheit eine Antwort gegeben: Mit Moral habe das alles nichts zu tun, denn Spaceys Privatleben sei ihm egal. Mit Ästhetik auch nicht, denn der Regisseur hält Spacey unverändert für einen genialen Schauspieler. Was am Ende als Erklärung Ridley Scotts („Ich bin Geschäftsmann“) bleibt, ist der Markt und die Marke: Man muss sich Spacey wie eine Aktie vorstellen, deren Kurs durch ein externes Ereignis abstürzt oder eine Marke, die plötzlich nichts mehr wert ist.

          Wäre der Regisseur das Risiko eingegangen, den Film mit Spacey in der Hauptrolle zu zeigen, hätte die Gefahr bestanden, dass die Investoren sich zurückzögen und die Produzenten 45 Millionen Dollar verloren hätten. Stattdessen nahmen sie zusätzliche Kosten von sechs Millionen Dollar in Kauf, um den Film spaceyfrei in die Kinos zu bringen. Nach zwingender betriebswirtschaftlicher Rechnung bleibt im Saldo immer noch ein Plus von 39 Millionen und ist die Gefahr des Totalverlustes gebannt.

          Der Kurssturz der Spacey-Aktie lässt zu Beginn des Jahres 2018 mindestens zwei ökonomische (also moralfreie) Lehren aus den von „Hurrican Harvey“ ausgelösten Verwüstungen zu.

          Moralisierung nivelliert alle Differenzierung

          Erstens: Marktwert und „innerer Wert“ (Tauschwert und Warenwert, marxistisch gesprochen) haben – fast – nichts miteinander zu tun. Kevin Spacey bleibt ein toller Schauspieler, aber am Kinomarkt ist er keinen Pfifferling mehr wert. So war es auch vor zehn Jahren in der Subprime-Krise, als die Häuschen in Florida so hübsch und proper wie immer waren, aber als Pfand zur Ablösung der Hypothek plötzlich nichts mehr brachten. So war es auch vor knapp hundert Jahren, als der Tag des Waffenstillstandes zur Beendigung des Ersten Weltkrieges plötzlich all die neuen Panzer wertlos werden ließ, obwohl diese nicht weniger gut schossen. Was letztlich zählt, ist der Marktwert. Ohne Publikum kann Spacey einpacken.

          Zweitens: Auslöser eines plötzlichen Kurssturzes können ganz unterschiedliche Dinge sein. Ein Krieg geht zu Ende, eine intellektuelle Mode dreht sich, eine Energiequelle (Atomkraft) wird von einem auf den anderen Tag politisch beerdigt. Massentaugliche Moralisierungskampagnen (#metoo) eignen sich besonders gut, um den Markt im Nu zu drehen: Denn Moralisierung nivelliert alle Differenzierung. Ihre Nachhaltigkeit ist dagegen eher fraglich. „Neue Normen durchzusetzen ist schwer“, sagt die Philosophin Cristina Bicchieri, die über die Evolution sozialer Normen forscht. Oder wie sagt es Rideley Scott: „Es wird für eine Weile aufhören – und dann wird es einfach so weitergehen wie vorher.“

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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