Wirbel um prospekt :
Warum Anthropic 80 Milliarden Dollar Verlust flott wegrechnet

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Adler-Wappen am SEC-Hauptquartier: Der KI-Entwickler Anthropic hat seinen Börsenprospekt bei der US-Wertpapieraufsicht eingereicht.
Adler-Wappen am SEC-Hauptquartier: Der KI-Entwickler Anthropic hat seinen Börsenprospekt bei der US-Wertpapieraufsicht eingereicht.Reuters

Die Technologieriesen des Silicon Valley finanzieren sich gegenseitig mit schwindelerregenden Summen. Das führt zu spektakulären Buchungen, wie ein Blick in den Börsenprospekt von Anthropic zeigt.

Der geplante Börsengang des KI-Sprachmodellentwicklers Anthropic könnte der größte aller Zeiten werden. Das Unternehmen wurde zuletzt mit fast 1000 Milliarden, also fast einer Billion Dollar, bewertet. Dieser schwindelerregende Wertzuwachs trägt zu einem technischen Verlust von rund 80 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2026 bei, den Anthropic in seinem Anfang der Woche vorgelegten Börsenprospekt kurzerhand bereinigt hat.

Was steckt hinter diesen 80 Milliarden Dollar Miesen? Darf das Unternehmen damit einfach so umgehen? Was sagen Bilanzfachleute dazu? Zunächst einmal hat Anthropic den 80-Milliarden-Verlust nicht einfach verschwinden lassen, denn die Belastung taucht im Börsenprospekt immer noch auf. Zudem liefert das Unternehmen eine Tabelle und Erläuterungen, um zu zeigen, warum es den Verlust nicht für aussagekräftig hält.

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Für Christof Schürmann, Fachmann des Flossbach von Storch Research Institute, sind die von Anthropic vorgenommenen Bereinigungen nachvollziehbar. Der mit 72,4 Milliarden Dollar größte Block dieser Bereinigungen hängt mit von Anthropic ausgegebenen Wandelanleihen und damit verbundenen Finanzinstrumenten zusammen. Wandelanleihen hatten vor allem die Technologiekonzerne Amazon und Google gezeichnet. Das geht aus dem Anhang des Börsenprospekts hervor. Während Google seine Anleihen inzwischen vollständig in Aktien umgewandelt hat, hält Amazon noch Wandelanleihen mit einem Nominalwert von rund 6,2 Milliarden Dollar. Diese sind unverzinslich.

Wie der hohe Buchverlust für Anthropic entsteht

Statt der Tilgung, also der Rückzahlung, ist auch eine Umwandlung der Anleihen in Aktien von Anthropic möglich. Daher der Begriff Wandelanleihen. Durch eine solche Umwandlung würden die Eigentümer der Anleihen über Nacht von Gläubigern zu Aktionären des KI-Entwicklers.

Weil Anleihen Finanzinstrumente sind, verlangen die Rechnungslegungsregeln wiederum eine aktuelle Bewertung. Wegen der Möglichkeit, die Anleihen in die immer höher bewerteten Firmenanteile von Anthropic zu wandeln, steigt ihr Gegenwert im Gleichschritt mit der aktuellen Bewertung des Unternehmens. Dieser Anstieg ist Hauptgrund für den hohen ausgewiesenen Verlust.

Werden die Anleihen in neue Aktien umgewandelt, fließt Anthropic dadurch kein Geld ab. „Das ist bilanziell korrekt und nachvollziehbar“, sagt Schürmann mit Blick auf die Bereinigungen. Da es sich um nicht zahlungswirksame Buchungen handele, rechne Anthropic die Bewertungsverluste in der Ermittlung des operativen Cashflows wieder hinzu. Das sei sachgerecht. Denn deutlich aussagekräftiger für die Beurteilung des operativen Geschäfts seien der Umsatz von 16,3 Milliarden Dollar bei einem operativen Verlust von 693 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2026 sowie der positive operative Cashflow in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar.

Wer Anthropic-Aktien zeichnen oder kaufen will, muss laut Fachmann Schürmann beachten, dass die Umwandlung der Anleihen in Aktien zu einer spürbaren Verwässerung der Beteiligungsquoten der übrigen Aktionäre führen kann. Dann sinke der Anteil der übrigen Aktionäre am Unternehmen und damit an den künftigen Gewinnen.

Sollte Anthropic beim Börsengang eine noch höhere Bewertung als zuletzt erreichen, könnte der sogenannte Fair Value, also der aktuelle Wert der bis zur Wandlung ausstehenden Anleihen, weiter steigen. Von großer Bedeutung seien darüber hinaus die Verpflichtungen in dreistelliger Milliardenhöhe, die Anthropic gegenüber Cloud-Anbietern wie Amazon, Google und Microsoft eingegangen sei.

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Eigentlich hatte die Börse die KI-Aktien schon abgeschrieben. Doch der Anthropic-Börsenprospekt hat die Zuversicht zurückgebracht. Gerade rechtzeitig, bevor Google, Microsoft und Amazon ihre Quartalszahlen vorlegen.

Holger Schmidt
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