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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bürgermeisterin Jutta Ebeling In der Waage

 ·  Sie ist mächtig und hat Freude daran, im Amt und auch hinter den Kulissen. Sie kommt aus der Frauenbewegung und war Mitarchitektin von Schwarz-Grün. Jetzt geht die Frankfurter Bürgermeisterin Jutta Ebeling in den Ruhestand.

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Es ist ein kalter, klarer Wintermorgen, an dem sich für Jutta Ebeling ein Kreis schließt, in einer Schulkantine. Die Räume, in denen 590 Kinder und Jugendliche in drei Schichten essen können, sind hell, obwohl sie in die Erde eingegraben wurden; für viel Geld ist das geschehen, nach den Plänen eines renommierten Architekturbüros. Aus der verglasten Front der Cafeteria blickt man nach oben, auf einen mächtigen Altbau. Gegenüber steht noch einer, wie eine Schlossanlage rahmen die Schulhäuser einen Platz in ihrer Mitte. Ein schönes Ensemble in einem Viertel in Frankfurt mit reichlich Beton und kaum Grün, mit ein paar Gründerzeit-Fronten und vielen Wohnbauten, die aussehen wie ramponierte Pappschachteln.

Die Integrierte Gesamtschule Nordend, kurz: IGS Nord, eine Schule, die mit ihrer Organisationsform beispielhaft steht für den Streit um den richtigen Weg in der Bildungspolitik, hat nun eine Kantine, und Jutta Ebeling ist zufrieden. Seit 23 Jahren ist sie Schuldezernentin in Frankfurt. Mitte März tritt sie in den Ruhestand, die Eröffnung dieser Mensa ist eine ihrer letzten Amtshandlungen. Sie nimmt Blumen entgegen. Sie wirkt gerührt, als sie von der Schulleiterin umarmt wird. Ein Schnupfen und die Taschentücher, die sie braucht, verstärken den Eindruck.

Manchmal fühlt sie sich wie eine Migrantin

Die Politikerin Ebeling, Parteizugehörigkeit: Die Grünen, ist eine Linke großstädtischer bildungsbürgerlicher Prägung. Die Frau, die als Kind Löwenbändigerin werden wollte, die spätere Oberstudienrätin, die zur Einschulung keine Schultüte bekommen hatte und dafür zum 40. Geburtstag eine bekam, hat alle politischen Konstellationen in Frankfurt überlebt. In allen hat sie mitgestaltet, ganz vorne und im Hintergrund.

Seit 2006 ist sie Bürgermeisterin, die erste Frau auf diesem Posten, das erste Mitglied der Grünen. Die Person, mit der sie qua Amt den engsten Kontakt hat, ist die CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die Frauen, die sich gut verstehen, haben vieles gemeinsam, auch, dass sie in der Bankenstadt jede einen Flügel ihrer Partei repräsentieren, von dem sich kaum noch sagen lässt, ob es ihn ohne sie überhaupt gäbe. Wenn stimmt, was in der Stadt manchmal über Petra Roth gesagt wird - dass die Konservative, die liberaler ist als das Gros der Frankfurter CDU, heute größer sei als ihre Partei -, dann trifft für Ebeling zu, dass sie die Grünen mit zu denen gemacht hat, die sie sind.

Mit Leib und Seele Realpolitikerin

Jutta Ebeling wird 1946 in Oberfranken geboren. Als sie fünf Jahre alt ist, wandern die Eltern mit ihr aus, nach Australien, sechs Wochen Schiffsreise. Nach drei Jahren kehrt die Familie zurück, seitdem lebt Jutta Ebeling in Frankfurt, wo ihr Großvater einst Polizeipräsident war. Sie wisse aus der Zeit in Australien, hat sie am Rande eines ihrer Wahlkämpfe erzählt, wie es sich anfühle, „Migrant zu sein“, den Alltag in einer anderen als der Muttersprache zu bewältigen, andere Rituale als andere erlebt zu haben - Schultüten gab es in Australien nicht, in Anspielung darauf und auf ihren Beruf hat ihr Vater ihr so viele Jahre später eine geschenkt. Vielleicht rührt auch die Lust am Reisen und am Unterwegssein überhaupt vom frühen privaten Aufbruch her. In ihrer Freizeit ist Ebeling, die gerne liest und kocht, auch begeisterte Power-Spaziergängerin.

Beruflich hat sich Ebeling weit bewegt, in einem kleinen geographischen Kreis. Sie macht das Abitur an der Ziehenschule. Studiert in Frankfurt und Tübingen Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. 1974 legt sie das Zweite Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab.

Sie hält ihre Bilanz immer in der Waage, auch mental

Ebeling, deren Haare schon früh weiß geworden sind, die man in der Öffentlichkeit nie mit ungeschminkten Lippen sieht und selten mit den dünnen Zigarillos, die sie gerne raucht, ist in Frankfurt und den Kreisen, die so etwas gebildet haben wie den Nährboden für die Urbanität der Grünen, fest verwurzelt. Es sind Leute aus gutem Hause, Intellektuelle. Tom Koenigs gehört dazu, der spätere Frankfurter Stadtkämmerer und Umweltdezernent und noch spätere Stellvertreter des UN-Generalsekretärs im Kosovo, der heutige Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, auch der 2002 verstorbene Kabarettist Matthias Beltz.

Jutta Ebeling findet zu Studienzeiten in der Frauenfrage eines ihrer Lebensthemen. 1973 gründet sie in Frankfurt ein autonomes Frauenzentrum. Sie ist befreundet mit der Schriftstellerin Eva Demski; die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber hält die Laudatio, als 2009 im Römer Ebelings zwei Jahrzehnte währendes politisches Wirken gewürdigt wird.

Das Leben bestimmen, nicht bestimmt werden

1984 tritt Ebeling den Grünen bei. Von Anfang an gehört sie zu den Realpolitikern, die sich erbittert streiten mit den Fundamentalisten; in Darstellung und Wirkung werden die Realos siegen. Mit bekannten Figuren jener Zeit wie der Radikalökologin Jutta Ditfurth, die einst die Bundespartei mitbegründet hatte und heute als Einzelkämpferin der Gruppe Öko-Linx im Frankfurter Stadtparlament sitzt, verbindet Ebeling nichts mehr.

Ein Jahr vor ihrem vierzigsten Geburtstag nimmt die Lehrerin Ebeling eine Auszeit, reist monatelang durch Italien. Wieder zurück, heiratet sie, 1989 beginnt ihre zweite berufliche Laufbahn: Nach dem Wahlsieg von Rot-Grün wird sie Schuldezernentin. Als nach der Kommunalwahl 2001 CDU, SPD, Grüne und FDP ein Viererbündnis schmieden, wird Ebeling Dezernentin für Bildung, Umwelt und Frauen. 2006, nachdem Grüne und die CDU sich zu einem bis heute weitgehend reibungslos zusammenarbeitenden Paar gefunden haben, tritt sie neben Roth an die Spitze der Stadt. Lieber wäre sie damals Kulturdezernentin geworden, aber der Job fiel in der Koalitions-Arithmetik der CDU zu. Das hat sie geschmerzt, aber über Vergangenes zu lamentieren ist nicht ihre Art, sie hält ihre Bilanz immer in der Waage, auch mental.

Immer „weg von der Ideologie“

Die IGS Nord, für die zwei andere Schulen umziehen mussten, hat Ebeling in einer frühen Amtshandlung gegründet, unter Protest der „Bild“-Zeitung damals - als Beweis für einen Paradigmenwechsel in der Schulpolitik, wie Ebeling im Rückblick sagt, „weg von der Ideologie“. Dass sie, die ihre Gestaltungsmöglichkeiten weidlich genutzt hat, das immer mit einem nur um das Wohl der Kinder und den Willen der Eltern besorgten Blick getan habe, nimmt sie für sich in Anspruch. Angriffe des politischen Gegners - und das blieb in Schulfragen die CDU auch zu Koalitionszeiten noch lange - pflegte sie gerne mit einem Verweis auf ihre innere Unabhängigkeit zu kontern. Dass in ihrer Amtszeit in Frankfurt eine internationale und eine europäische Schule entstanden, dass sie den Gymnasien wohlgesinnt sei, sagte sie oft, das solle man doch bitte auch als Beweis dafür nehmen.

Das Leben bestimmen, nicht bestimmt werden, ist so etwas wie Ebelings Motto. Mit Leuten aus Wirtschaft und Kultur, aus Banken und Stiftungen redet sie auf Augenhöhe. Auf die Beigaben der Macht verzichtet sie nicht. Bei Terminen wartet vor der Tür ihr Fahrer im silbernen Dienst-Mercedes. Bilder wie die von ihrem Parteifreund und Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch, der auch im Job oft Fahrrad fährt, gibt es von ihr nicht.

Flexibel, offen und gleichzeitig diskret

Wer sich im Wind lange hält, hat auch mal geschwankt. Ebeling war nicht immer unumstritten. Das Stadtschulamt gilt als bürokratische Untiefe, oft gibt es Ärger. Wenn Ebeling sich einmischt, versteht sie es, die Causa zu ihren Gunsten zu entscheiden. Als 2004 Eltern Sturm liefen gegen den Caterer, der die meisten städtischen Kindergärten und Schulen belieferte, ließ sie sich tagelang das gleiche Essen ins Amt kommen und befand es für ganz in Ordnung. Als die Proteste anhielten, konnten Kitas, die das wollten, aus den Verträgen aussteigen.

Es gab in Frankfurt Schulbauten, die lange Zeit marode blieben und deren Sanierung finanziell völlig aus dem Ruder lief - Ebeling hat das politisch überstanden, so wie 2005, als sie auch Umweltdezernentin war, ein echtes Fiasko, eine verpatzte Kehrsatzung, die zuerst Hauseigentümer viel Geld kostete und dann, für die Korrekturarbeiten, die Kommune; die Aufregung darüber währte lange. Sie habe sich geprüft und nur vorzuwerfen, einen Beschluss, den sie noch nicht zu verantworten gehabt habe, umgesetzt zu haben, sagte Ebeling öffentlich dazu. Einsam hat sie zu der Zeit oft gestanden in den Pausen der Stadtverordnetenversammlung, wenn vor dem Saal Politiker und Referenten und Zuhörer die Köpfe zusammenstecken. Dass Petra Roth ihr das Umweltdezernat entzog, rettete damals die Koalition. Den Grünen, die das Ressort behielten, hat das nicht geschadet, aber Ebeling war angeschlagen.

Ein unverstelltes und gelassenes Naturell hat ihr in solchen Situationen geholfen und wohl auch, dass sie gut vernetzt ist, dabei diskret. Kungelei ist kein Begriff, der zu ihr passt. Den für Politiker eigentlich gebotenen persönlichen Abstand zu Meinungsmachern handhabt sie flexibel. Sie ist mit vielen Journalisten per du, siezt sie aber im formalen Umgang. Sie macht aus ihrem Privatleben kein Geheimnis, spricht aber wenig darüber. Sie ist geschieden, wohnt seit 20 Jahren im selben Stadtteil. Sie liebt Musik und die Natur, schön fände sie es, hat sie einmal gesagt, wenn eine Blume nach ihr benannt würde.

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Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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