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Fußball-Ikone Lew Jaschin : Vom Torwart lernen heißt stürmen lernen

  • -Aktualisiert am

Lew Jaschin im Jahr 1966 während einer seiner Glanzparaden. Bild: Picture-Alliance

Er war die Symbolfigur der revolutionären Vorwärtsverteidigung. In Russland lebt der sowjetische Kult um das Torwart-Idol Lew Jaschin bis heute fort. Wer war der Mann, der bei der WM das offizielle Poster ziert?

          Als der Hamburger Innenverteidiger Willi Schulz 1968 in der brütenden Hitze von Rio de Janeiro zum Benefizspiel der Fifa-Weltauswahl landet, wird ihm ein russischer Kollege als Zimmergenosse zugeteilt. Während Schulz sich noch mit seinem sperrigen Fernreisegepäck abmüht, steht der russische Torwart Lew Jaschin in der Zimmertür, mit einem einzigen, winzigen Koffer in der Hand. „Den Koffer legte er aufs Bett und machte ihn auf. Darin waren nur zwei Flaschen Wodka und zwei Dosen Kaviar“, erinnert sich der sechsundsechzigmalige deutsche Nationalspieler. „Wir haben uns dann einige gemütliche Stunden gemacht.“ Am nächsten Morgen verliert die Weltauswahl 1:2 gegen Brasilien, die Verteidigung scheint nicht ganz auf der Höhe.

          Der sowjetische Keeper hingegen ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Er hat Olympia und die Europameisterschaft gewonnen, die Auszeichnung „Ballon d’Or“ als einziger Torwart erhalten und ist zweifacher Welttorhüter. Trotzdem raucht er noch in der Halbzeitpause auf der Toilette – Uwe Seeler erwischt ihn dabei einmal – und trinkt vor den Spielen ein Gläschen Wodka. Die Weltpresse ist begeistert von diesem eigenwilligen Torhüter. Doch je lauter es um ihn wird, desto mehr sehnt Jaschin sich nach Ruhe. Am Wochenende fährt er seinen klapprigen, himmelblauen Wolga aus Moskaus Prachtstraßen hinaus, um in Ruhe am See zu angeln. In Zigarettenrauch und Stille gehüllt, wartet Jaschin auf das Anbeißen der Fische.

          Während Jaschin dort Wochenende auf Wochenende am See sitzt, streiten sich Journalisten um die Deutungshoheit über dieses Leben, das so eng mit der sowjetischen Geschichte verwoben ist. Wo die westlichen Medien sich bemühen, ihn als kritischen Gentleman in der Diktatur, als unausgesprochenen Dissidenten zwischen den Pfosten zu zeichnen, ist er für die heimische Presse der fleischgewordene „neue Sowjetmensch“.

          Der Torwart als Kunstfigur

          Jaschin wuchs in den Wirren des Roten Terrors der dreißiger Jahre auf, als die Erinnerung an die vergleichsweise guten Tage von Lenins Neuer Ökonomischer Politik noch wach war. Gleichzeitig entdeckten die Künstler des „Sozialistischen Realismus“ die Kunstfigur des Torwarts für sich, was der britische Kunsthistoriker Mike O’Mahony jüngst in einem Aufsatz mit dem Titel „The Art of Goalkeeping: Memorializing Lev Yashin“ (Sport in Society, Bd. 20, Heft 5/6, 2017) nachgezeichnet hat. Die Künstler machten aus dem Torwart einen Fetisch, die Symbolfigur des Widerstands gegen die heranstürmenden Feinde der Revolution: Er verteidigt für die Mannschaft, sprichwörtlich bis zum letzten Mann.

          1927, zwei Jahre vor Jaschins Geburt, lieferte der Satiriker Juri Olescha mit seinem Roman „Neid“ einen der ersten Erfolgshits der Sowjetunion. In der Schlüsselszene wehrt der junge Torwart Volodya die Bälle der entfesselt stürmenden Deutschen ab. Das Motiv griff Semen Timoschenko 1936 in seinem Spielfilm „Der Torwart“ erneut auf. Der Film erzählt die Geschichte des Hafenarbeiters Anton, der unter dem Gesang seiner Fans das Tor sauber hält: „Du bist ein Wächter in dem Tor. / Stell dir vor, es liegt eine Grenze hinter dir.“ Dann, im entscheidenden Spiel, hält er den Elfmeter und rennt mit dem Ball am Fuß aufs gegnerische Tor zu, um den Siegtreffer zu erzielen. Draußen, außerhalb der vier Linien des Strafraums, spielt das Leben.

          Im Juni 2018 hält der schweizerisch-italienische Fußball-Funktionär Gianni Infantino einen Vortrag über sowjetischen Fußball – Lew Jaschin schmückt die Titelseite. Bilderstrecke

          Das scheint auch Jaschin verstanden zu haben, der erst sieben Jahre alt war, als der Film die heimischen Kinos eroberte. Schon bald wollte er nicht mehr Schachspieler, sondern Torwart werden. Er wurde später für sein gewagtes Herausrennen berühmt. Doch als er in seiner ersten Saison für Dynamo Moskau, den Verein des Innenministeriums, im Tor stand, führte diese Taktik noch ins Desaster: Jaschin lief zu weit heraus, stieß immer wieder mit Gegenstürmern zusammen und musste andauernd ins Netz hinter sich greifen. Obwohl er aufs Hockeyfeld verbannt wurde, wollte er weiter unbedingt Fußballer werden. Profispieler gab es in der Sowjetunion nicht, er blieb seine gesamte Karriere lang offiziell Angestellter des Innenministeriums, auch wenn er von morgens bis abends trainierte.

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