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Personalisierte Onlinewerbung : Sie kennen dich besser

Woher wissen die Algorithmen, dass wir uns für diese Schokolade interessieren? Bild: Lindt

Auf eine Tafel Schokolade mit den Algorithmen: Warum zeigt uns das Internet eigentlich nur noch an, was wir wollen – und gar nicht mehr das, was wir wollen sollten?

          Es war, wie immer, wenn M. kocht, ein äußerst gelungenes Mittagessen gewesen, und so lagerten wir schwer und zufrieden in verschiedenen Teilen der Wohnung und überließen es dem Zufall, ob sich der Mittagsschlaf einstellte. Da wurde das leise, ferne Rauschen der Stadt plötzlich durch einen schrillen Schrei zerrissen: „Mein Handy zeigt mir Werbung für die Schokolade an, die wir gerade gegessen haben!“, rief S. „Ohne Witz!“

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das war nun wirklich staunenswert. Die Zitronen-Macaron-Schokolade von Lindt hatte uns alle angenehm überrascht, denn wir kannten sie nicht, und sie war sehr gut, wirklich sehr gut, die ja immer etwas zu starke Süße der Lindt-Schokolade hatte in der spitzen Säure der Zitronencreme ihren Partner gefunden.

          Woher aber wussten die Algorithmen, dass S. sich für diese Schokolade interessierte? Wir waren es gewohnt, dass unsere Geräte uns all unsere Online-Gewohnheiten, die guten wie die schlechten, als Werbung zurückspiegelten. Aber unser Offline-Verhalten? Wir hatten ja diesmal nicht mal unseren Esstisch fotografiert!

          Spukversion meiner eigenen Bedürfnisse

          Ist S.’ Datenprofil bereits mit meinem verknüpft, hatte also das Bezahlen der Schokolade mit meiner EC-Karte das Produkt in den engeren Radius möglicher Interessen der engeren Freunde gerückt? Hatten die Handys uns mit ihren beidseitigen Kameras beim Essen zugesehen, unablässig die Umgebung nach bekannten Schemata absuchend? Hatten ihre Mikrofone das Knistern des Stanniolpapiers und das zarte Zerplatzen der gerösteten Mandelstücke identifiziert? Oder hatte, so wie bei Proust der Geschmack der in Tee getunkten Madeleine den Erzähler in die Kindheit holt, der Duft der Zitrone in den Tiefen der Algorithmen die Erinnerung an Zitronen-Macarons geweckt?

          Und wird mir nach Veröffentlichung dieses Textes Werbung für die neue Proust-Ausgabe angezeigt werden?

          Aus Zeiten, in denen Werbung noch versprach, neue Bedürfnisse zu erzeugen: ein historisches Urlaubsplakat aus Norderney.

          Ich gehe auf Gebrauchtwagen.de und das Banner zeigt, in dramatisch inszenierter Frontansicht, eins meiner Lieblingsmodelle (allerdings in Gelb (Zitronengelb, ohne Witz)). Ich sehe die Möbel, die ich mir wünsche, die Bücher, die ich lese, und wenn Gäste da sind und die Playlist aus ist, merken wir es gar nicht, weil die Algorithmen die Playlist einfach weiter phantasieren. Und seit ich bei der Telekom einen Router bestellt habe, weist sie mich ständig aggressiv darauf hin, dass ich ihn auch für ein Sechstel des Preises hätte haben können. Ich kann online gar nicht mehr irgendwohin gehen, ohne dass ich vor einer Spukversion meiner eigenen Bedürfnisse stehe und mich fragen muss, ob das jetzt krasser Zufall ist oder welche Rückschlüsse ich über die Vollständigkeit meiner Datenprofile ziehen darf oder ob ich mich nur in der nächsten Stufe eines gigantischen Rattentests befinde, in dem die Algorithmen die ganze Zeit mit mir spielen, um zu sehen, wie ich auf welchen Reiz reagiere, und dann die Annahmen über meine Vorlieben Klick für Klick zu verfeinern?

          In letzter Zeit ist mir sogar aufgefallen, dass sich der Frauentyp, der mir aus Anzeigen für Reise- oder Sportangebote entgegenblickt, zunehmend ähnelt. Es ist mein Frauentyp – offenbar destilliert aus Facebook-Profilaufenthalten und sag’ ich hier nicht. Ich blicke lange in die schönen Augen einer „Fitness First“-Anzeige und frage mich, ob sie zurückblickt, ob also die Verweildauer auf der Seite dem Anzeigenzuweisungsunternehmen (zu 95 Prozent Wahrscheinlichkeit ist das Google AdWords) bereits Rückschlüsse darüber erlaubt, wie erfolgreich sein targeting verläuft?

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