Interview mit Günter Wallraff : Nach einer Weile träume ich in meiner neuen Identität

Vor dreißig Jahren kam sein Buch „Ganz unten“ heraus, in dem Günter Wallraff von seiner Sklavenarbeit als Türke „Ali“ berichtete. Die Wirkung war groß. Was hat sich seither verändert? Ein Gespräch mit dem Rollenspieler, der bis heute unerkannt bleibt.
Von der physischen Belastung her war das sicherlich das Härteste. Danach hatte ich Bandscheibenprobleme, und meine Bronchien waren geschädigt. Vorher lief ich einen Marathon in zwei Stunden fünfzig Minuten. Danach war ich froh, noch eine halbe Stunde am Stück laufen zu können. Von den Arbeitern, die diesen Giftstäuben über Jahre ausgesetzt waren, sind inzwischen viele verstorben, sie wurden nicht älter als sechzig Jahre. Der Menschenhändler, bei dem ich mich damals verdingt habe, hatte türkische Arbeiter auch ohne Strahlenschutz in ein Kernkraftwerk geschickt. Im Kollegenkreis sprach man vom „Verheizen“. Von der psychischen Belastung her war aber meine Rolle als Hans Esser bei der „Bild“-Zeitung belastender. Dort musste ich mich mehr verleugnen, das war wie eine freiwillige Gehirnwäsche.





