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Der neue Turm der Tate Modern : Ein Opfer ihres Erfolgs

Kunstwerke sehen dich an: „Mirror and glass“ von Yayoi Kusama hängt im spektakulären Neubau der Tate. Bild: dpa

Großer Rahmen für fragwürdige Präsentationen: Die Londoner Tate Modern weiht ihr neues Switch House ein. Das Motto: „Die Kunst verändert sich. Wir auch“.

          Die langerwartete Erweiterung von Tate Modern ist ein Triumph. Und ein Unglück. Der Triumph liegt in dem Anbau des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron, der sich wie ein Kapitelhaus an die mächtige Kathedrale des Kraftwerkes am südlichen Themseufer schmiegt, in das Britanniens erstes Museum für moderne und zeitgenössische Kunst im Jahr 2000 siegreich Einzug hielt. Doch für jeden, der von einer ständigen Sammlung mehr verlangt als politisch korrekte Konzepte, „offene Experimente“, kollektive performative Erfahrungen und eine den Wirrwarr der schnelllebigen Gesellschaft spiegelnde Flut von Bildern und Eindrücken, bedeutet die neue Präsentation des Bestandes ein Unglück.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Bestimmend für die Raumgestaltung und die Darbietung der Kunst ist die Idee des partizipativen Museums als sozialer Raum. Besucher sind nicht Betrachter, sondern aktive Partner, die durch ihre gedanklichen und körperlichen Reaktionen in den kreativen Prozess einbezogen werden. Das Prinzip gilt nicht nur für jene zeitgenössischen Werke, die unter dieser Voraussetzung entstanden sind. Auch die klassische Moderne im Boiler House (Kesselhaus), dem älteren Teil des Museums, wird in thematisch gegliederten Räumen als Kunstereignis inszeniert. Die ästhetische Wahrnehmung ist der Sichtweise des Kurators unterworfen, der sich als Moderator fast ebenbürtig neben die Künstler zu stellen scheint. Die erklärenden Wandtafeln sind denn auch alle signiert.

          Blick auf das neue Switch House, das als wichtigstes Kulturgebäude auf der Insel seit fast zwanzig Jahren gesehen wird. Und das ist keineswegs übertrieben.

          Die Tate preist das neue Switch House (so genannt, weil es auf einem Teil des Umspannwerkgeländes errichtet worden ist) als das wichtigste britische Kulturgebäude seit fast zwanzig Jahren an. Das ist eher unter- als übertrieben. Herzog & de Meuron haben London einen beeindruckenden Wurf beschert. Als sie sich Mitte der neunziger Jahre bei dem Wettbewerb für die Umgestaltung des Kraftwerkes gegen die größten Namen der Architekturwelt durchsetzte, hatte die Basler Partnerschaft noch längst nicht das internationale Renommee von heute erlangt.

          260 Millionen Pfund

          Damals ordnete sie sich mit einem markanten, aber minimalistischen Eingriff dem bestehenden Bau unter. Diesmal tritt sie mit ihm in einen belebenden Dialog. Die zehnstöckige pyramidale Struktur macht sich die kraftstrotzende Sprache des Elektrizitätswerkes von Gilbert Scott zu eigen und besitzt Grazie - trotz des durch schmale, asymmetrische Fensterbänder durchbrochenen Volumens. Ein Blick von der Aussichtsterrasse im obersten Stock auf das 360-Grad-Panorama bestätigt, wie sich die Qualität der Architektur von dem bedrückenden Mittelmaß des rasanten Londoner Hochhausbooms absetzt, der als Sinnbild der Profitgier dient. Davon zeugen auch die spekulativen Projekte in dem einst heruntergekommenen Southwark, die Gewinn ziehen aus dem Erfolg der Tate Modern.

          Die unbequeme Nähe jener Wohnhochhäuser, deren Bewohner sich wie Komparsen eines Performancewerkes vorkommen müssen, hat Herzog & de Meuron denn auch bewogen, ihr ursprüngliches Konzept einer fragmentierten gläsernen Zikkurat durch eine bewegte Backsteinfassade zu ersetzen. Die gewundene Form erklärt sich aus dem Übergang von den drei runden unterirdischen Öltanks, die bereits 2012 als Performanceräume umfunktioniert wurden, zu dem fast 65 Meter hohen Turm. Innen wird erst klar, dass die Bekleidung eine lichtbrechende Membran ist mit netzartigen Perforierungen, die an das Gitterwerk der indo-islamischen Architektur erinnert. Der durch die Öffnungen hergestellte Bezug zur Stadt bekräftigt ebenso wie die großzügigen Durchgänge die gesellschaftpolitische Funktion dieses Museums.

          Globale Kunst in einer globalen Stadt: Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hält eine Ansprache auf der Eröffnungsfeier.

          Mit rund 21.000 Quadratmetern erweitert das durch eine Brücke über dem riesigen Turbinenraum mit dem Boiler House verbundene Switch House die Fläche von Tate Modern um sechzig Prozent. Zur Begründung und Rechtfertigung des Neubaus stellt sich das Museum als Opfer seines Erfolges dar. Die mit höchstens zweieinhalb Millionen veranschlagte Besucherzahl hat sich bereits im Eröffnungsjahr verdoppelt. Die enorme Publikumsresonanz und die Überzeugungskraft des Tate-Direktors Nicholas Serota erklären, weshalb mehr als zweihundert der insgesamt 260 Millionen Pfund teuren Erweiterung aus dem Privatsektor kommen.

          „Die Kunst verändert sich. Wir auch“

          Frappierend ist auch die Zahl der Neuerwerbungen. Mehr als 75 Prozent der ausgestellten Werke sind seit dem Jahr 2000 hinzugekommen - ein Ergebnis des Entschlusses, sich in Abwendung vom westlichen Kanon „jenseits der traditionellen Chronologien, Gattungen und ,Ismen‘ der modernen Kunst“ zu orientieren, wie es in einer Erklärung heißt, und neue Schwerpunkte zu setzen unter anderem durch die stärkere Repräsentation von Frauen und die durchaus zu begrüßende Erweiterung des geographischen Blickfeldes. Das rückt zu Unrecht vernachlässigte Künstler wie beispielsweise den Sudanesen Ibrahim El-Salahi ins Rampenlicht. Die Mehrzahl der Ankäufe stammt aus Lateinamerika, Asien und Afrika.

          Rund um die Stadt werben Plakate mit dem Spruch „Die Kunst verändert sich. Wir auch“ für die Neuordnung des Museums. Die globale Ausrichtung, die bekräftigt wird, indem die Tate künstlerische Entwicklungen wiederholt aus der Perspektive anderer Kontinente darstellt, geht einher mit einer ebenso partikularisierten wie politisierten Erzählperspektive, die Qualitätsunterschiede verwischt, den Blick verzerrt und dem Verständnis der größeren Zusammenhänge im Wege steht. Für das Gefühl der Verwirrung liefert der babylonische Turm, den der brasilianische Künstler Cildo Meireles aus achthundert jeweils auf einen anderen Kanal eingestellten und live sendenden Radios gebaut hat, ein triftiges Symbol.

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