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Zum 90. Geburtstag von Paula Fox : Vom amerikanischen Albtraum

Die Schriftstellerin Paula Fox im Januar 2007 in ihrer New Yorker Wohnung Bild: 4/laif

Späte Genugtuung für eine großartige Schriftstellerin: Erst im Alter wurde die Amerikanerin Paula Fox auch hierzulande entdeckt. Nun feiert sie ihren 90. Geburtstag.

          Als das Werk der amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox in Deutschland entdeckt wurde, war sie schon Ende siebzig. Im Jahr 2000 erschien als erstes übersetztes Buch der Roman „Was am Ende bleibt“ (das Original von 1970 heißt „Desperate Characters“ - verzweifelte Figuren). Er ist nun zum neunzigsten Geburtstag der Autorin von ihrem deutschen Verlag C.H. Beck wiederaufgelegt worden, diesmal ergänzt um einen Essay, den Jonathan Franzen 1996 im „Harper’s Magazine“ über seine Zweifel am amerikanischen Gesellschaftsroman geschrieben und der das Comeback von Paula Fox in ihrer Heimat eingeleitet hatte. Franzen stellte damals lapidar fest, dass er „als Leser durch die Lektüre von ,Was am Ende bleibt‘ gerettet wurde“. Wohlgemerkt als Leser, nicht als Autor. Doch genau das war dann doch der Fall: „Die Korrekturen“, Franzens gefeierter dritter Roman, erschien zwar erst 2001, doch sein Essay war fünf Jahre früher unter dem Eindruck entstanden, dass er für sein Exposé endlich einen Verlag gefunden hatte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Schöne ist, dass Paula Fox sich in Deutschland durchgesetzt hat, ohne dass sie einen gewichtigen Fürsprecher gehabt hätte, denn Franzen war damals hierzulande noch unbekannt. Aber wer „Was am Ende bleibt“ las oder die rasch nachgeschobenen Romane „Kalifornische Jahre“ (1972 verfasst und 2001 übersetzt) und „Lauras Schweigen“ (1976/2002) sowie die Jugend-Autobiographie „In fremden Kleidern“ (1999 im Original, 2003 auf deutsch), der wusste sofort, dass da eine Autorin am Werk ist, die einen Blick auf zwischenmenschliche Konflikte wirft, der an Präzision kaum zu überbieten ist, die Dialoge zu schreiben versteht, die dem Leben nicht abgelauscht, sondern aufgetragen sind, die über die Gesellschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten gebietet, als sei dies in weit mehr als nur übertragenem Sinne ihr Land.

          Im Jahr 1990 erschien ihr letzter Roman

          Paula Fox charakterisiert in ihren insgesamt nur sechs Romanen und den wenigen, erst 2011 im Band „Die Zigarette und andere Stories“ gesammelten Erzählungen die Vereinigten Staaten als Heimat hoffnungslos Hoffender. „Ich bin verzweifelt“, lautet der vorletzte Dialogsatz in „Was am Ende bleibt“, und der letzte ist die sarkastische Antwort darauf: „Er ist verzweifelt!“ Alle Beteiligten sind es.

          Die Nachtseite Amerikas ließ die 1923 in New York geborene Paula Fox, die als Tochter eines Drehbuchautoren-Ehepaars ihre Jugend im durch den Krieg gedämpften Glanz von Hollywood erlebte und als Zwanzigjährige ein uneheliches Kind zur Welt brachte (von beidem berichtet „In fremden Kleidern“), das sie zur Adoption freigab, 1946 nach Europa ausbrechen (davon erzählt Fox im zweiten autobiographischen Buch „Der kälteste Winter“, ihrer letzten großen Arbeit als Schriftstellerin, 2005 veröffentlicht). Und auch in vielen ihrer Kinderbücher, deren von 1966 bis 1999 mehr als zwanzig erschienen sind, hat sie diesen kritischen Blick gepflegt - gegen die gängigen Erwartungen einer heilen Welt, die Pädagogen und Patrioten in diesem Genre oft erwarten. Ihr Erfolg auf diesem Feld, der ihr die wichtigsten Preise für Kinder- und Jugendliteratur einbrachte, ließ sie die Durststrecke als Erwachsenen-Schriftstellerin überstehen, die nach dem Roman „The Widow’s Children“ von 1976 einsetzte und aus der sie erst Franzens leidenschaftliches Plädoyer wieder erlöste. Einen Roman aber hat sie wie zum Trotz seit 1990 nicht mehr geschrieben, als „The God of Nightmares“ in Amerika so gut wie unbeachtet herauskam.

          In nur sieben Jahren nach der deutschen Publikation von „Was am Ende bleibt“ hat C.H. Beck alle fünf weiteren Romane und die beiden Erinnerungsbücher publiziert, und so ist Paula Fox heute für deutsche Leser präsenter als für das gegenwärtige amerikanische Publikum, das die Autorin nach der fulminanten Renaissance ihres Werks vor anderthalb Jahrzehnten fast schon wieder vergessen hat. Ob an ihrem neunzigsten Geburtstag, den Paula Fox heute in New York feiert, auch ihre Enkeltochter Courtney Love zu Besuch kommen wird, darf man bezweifeln: Die berühmte Sängerin ist das Kind der 1944 zur Adoption freigegebenen Tochter und hat keinen Kontakt zu Mutter und Großmutter. Das künstlerische Talent hat Paula Fox offenbar vererbt, die Nachtseite aber ist auch Teil ihres eigenen Lebens.

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