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Radioaktivität : Wieder Flammen über Tschernobyl

Wo hier Rauch ist, da ist auch Caesium-137. Die Aussicht vom Dach des versiegelten Unglücksreaktors am 10. April 2020 Bild: AP

Heute vor 34 Jahren explodierte in der Ukraine ein Kernreaktor. Nun wirbeln Waldbrände dort radioaktive Asche auf und erinnern uns an einen anderen seltsamen Frühling. Aber welche Gefahr geht davon aus?

          7 Min.

          Sechsundzwanzig nennen sie es. Nicht „den Unfall“ oder „die Katastrophe“, sondern einfach nur Sechsundzwanzig. Es ist das Datum, der 26. April 1986, mit dem die früheren Bewohner von Prypjat ihr Trauma codieren, ihr 9/11. Prypjat ist jene fotogen zuwuchernde Geisterstadt, die bereits Thema unzähliger Reportagen war, seit ihre 48.000 Einwohner am Tag nach dem Bersten eines Reaktorblocks im vier Kilometer entfernten Kernkraftwerk Tschernobyl evakuiert wurden. Einer derer, die gelegentlich zurückkommen, weil er im Umkreis der Reaktorruine arbeitet und wegen seiner guten Englischkenntnisse gerne von Fernsehteams befragt wird, erinnert sich auf CBS so: „Es sah aus wie der Sonnenuntergang aus zweihundert Meter Entfernung. Das war der glühende Reaktorkern.“

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Moment glüht es wieder nahe Prypjat. Am 4. April brachen in der 2600 Quadratkilometer großen Sperrzone um den mittlerweile mit einer gigantischen Stahlhaube versiegelten Unglücksort Waldbrände aus. In anderen Zeiten hätten Bilder der Flammen die Fernsehnachrichten dominiert. So aber mussten sie warten, bis die letzte Corona-Neuigkeit vermeldet war, wenn sie überhaupt erschienen. Dabei hätten sie allen, deren Erinnerung in das Frühjahr 1986 zurückreicht, ein kleines Déjà-vu bescheren können. Auch damals hatte sich das Leben, wenn auch nur in Europa, innerhalb von ein paar Tagen plötzlich verändert. Zwar blieben Schulen, Geschäfte und Gaststätten geöffnet und niemand musste wegen Tschernobyl in die Kurzarbeit. Doch dafür aß keiner mehr unbeschwert Salat oder anderes, was vielleicht kontaminiert sein konnte. Im Voralpenland leuchteten die Landschaften vom gelben Löwenzahn in der Frühlingssonne – denn kein Bauer ließ mehr seine Kühe auf die Weide.

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