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Morphing : Ein Pass für zwei

  • -Aktualisiert am

Helene Fischer und Ursula von der Leyen könnten womöglich denselben Ausweis nutzen, wenn eine spezielle Technik ihre Porträts kombiniert – zu so etwas wie dem Bild in der Mitte. Bild: Fotos Breuer, Action Press, Bearbeitung F.A.S.

Um das digitale Verschmelzen von zwei Ausweisbildern zu einem künftig zu verhindern, sollen sie nur noch in Behörden fotografiert werden. Warum ist das nötig?

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          Elftausend Fotoautomaten wollte Innenminister Horst Seehofer in deutschen Passbehörden aufstellen lassen, direkt in den Amtsstuben, denn Passfotos sollten von nun an nur noch unter Aufsicht geschossen werden. Auf diesen Gesetzentwurf am vorvergangenen Mittwoch folgte eine Welle der Empörung – Handelsverbände schimpften die Pläne Verstaatlichung des Passbildgeschäfts, Oppositionspolitiker erklärten die Existenzen der Fotografen bedroht, die wiederum den Städten unterstellten, sich die zusätzlichen Euros fürs Knipsen einheimsen zu wollen. Tageszeitungen verkündeten bereits das „Ende einer Ära“, da ruderte die Regierung ob dieses Protests zurück. Fotografen dürfen weiterhin Passbilder anfertigen, müssen diese aber digital an die Behörden übertragen. Wenig Aufmerksamkeit erfuhr dabei jedoch die entscheidende Frage: Wie groß ist dieses Problem, das Seehofer mit der Regelung lösen möchte?

          Das Innenministerium will das sogenannte „Morphing“ verhindern. Der Begriff bezeichnet das Verschmelzen der Fotos zweier Menschen zu einem Bild. Heutzutage ist das mit frei verfügbaren Computerprogrammen für fast jedermann möglich, in sozialen Netzwerken wie Tiktok ist es ein spaßiger Zeitvertreib. Doch so lässt sich auch ein Passfoto basteln, das zwei Menschen ähnlich sieht. Mit einem derart manipulierten Bild marschiert dann eine der Personen zur Behörde und beantragt einen Pass. Mit dem kann sich dann auch die zweite Person ausweisen. „The magic passport“ war eine Studie von Informatikern der Universität von Bologna betitelt, in der sie das Problem bereits 2014 beschrieben. Tatsächlich hat ein Pass mit einem gemorphten Foto etwas Magisches, zumindest für Kriminelle. Sie können sich eine neue Identität zulegen. Und Migranten können unter falschem Namen in ein Land einreisen.

          Wer lässt sich leichter täuschen, Mensch oder Maschine?

          Das ist möglich, aber nicht nur, weil sich Beamte von gemorphten Bildern täuschen lassen. Das größere Problem sind automatische Grenzkontrollen. Wer etwa nach Großbritannien einreist, muss ein elektrisches Tor passieren. Ein Computer liest das biometrische Passfoto aus, eine Kamera fotografiert den Reisenden währenddessen. Ein Algorithmus zur Gesichtserkennung vergleicht die beiden Bilder, und wenn die Ähnlichkeit ausreichend ist, öffnet sich das Tor.

          Entscheidend ist, dass die Ähnlichkeit zwischen Passbild und Reisendem nicht perfekt sein muss. Die Algorithmen drücken ein Auge zu, denn kein Mensch sieht exakt so aus wie sein Passbild: Das Foto ist mitunter mehrere Jahre alt, körperliche Verfassung, Mimik und Make-up können sich unterscheiden. Diese Ungenauigkeit nutzt das Morphing aus. Das verschmolzene Foto muss beiden Personen nur ähnlich genug sehen. Natürlich klappt das besser, wenn beide sich in Geschlecht, Alter und Ethnie ähneln. Die Autoren von „The magic passport“ konnten aber zeigen, dass gängige Systeme zur Gesichtserkennung 2014 sogar auf ein verschmolzenes Bild von einem Mann und einer Frau hereinfielen.

          Kaum jemand kann sagen, wie bedeutend diese Schwachstelle wirklich ist. Europas Grenzschutzagentur Frontex erklärt, das Problem zu kennen. Sie verweist auf die Zuständigkeit nationaler Behörden. Die Bundespolizei teilt auf Anfrage mit, Morphing-Fälle „festgestellt und beanzeigt“ zu haben. Äußern wollte sie sich jedoch zu keinem einzigen davon. Wie viele Fälle gibt es überhaupt? Das Bundesinnenministerium beantwortet diese Frage damit, dass man derzeit die nötigen Daten erhebe. „Bislang sind den Behörden drei Fälle von Morphing bekannt“, heißt es in dem Statement. Das ist nicht viel. Schätzungen zur Dunkelziffer will das Ministerium nicht abgeben, verweist aber auf Belgien. Die dortigen Behörden hätten 2018 über 630.000 Passbilder einer automatischen Überprüfung auf Manipulationen unterzogen. Dabei müsse es sich nicht um Morphing gehandelt haben. Es seien mehr als 27.000 Verdachtsfälle offengelegt worden, von denen jedoch nur 15 zur Anklageerhebung wegen Identitätsbetrug geführt hätten. Die restlichen Fälle seien entweder verjährt oder nicht verfolgt worden, weil die Passbilder lediglich in nicht betrügerischer Absicht „verbessert“ worden seien.

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