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Steinzeitkunst : Am anderen Ende

Das Wildrind (links) ist in dieser Umzeichnung der Höhlenmalereien aus Borneo leicht zu erkennen. In Rot die Pigmentflächen, die vor mindestens 40.000 Jahren aufgetragen wurden. Die violetten Handumrisse sind dagegen nur 16.000 Jahre alt. Bild: Zeichnung M. Aubert et al.

Die früheste figürliche Malerei, die jetzt in Südostasien gefunden wurde, beantwortet eine zwanzig Jahre alte Frage. Dafür tut sich eine neue auf.

          Noch gibt es Regenwald in der indonesischen Provinz Ostkalimantan auf Borneo. Insbesondere die Karstregion westlich von Sangkulirang hat eine für die Holzfällerei ungünstige Topographie. Entsprechend abgelegen sind die Höhlen in den vom Dschungel überwucherten Kalkfelsen, in denen gleichwohl etliche prähistorische Wandmalereien erhalten sind. Manche zeigen Menschen mit auffallendem Kopfputz, andere Tiere, darunter wahrscheinlich das Banteng, ein dort heute noch vorkommendes Wildrind, sowie abgepauste Handumrisse.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tiere und Handumrisse sind auch typische Motive der frühesten figürlichen Höhlenkunst Europas aus der Kulturstufe des Aurignacien. Sie finden sich in der Grotte Chauvet in Südfrankreich, deren früheste Bilder zwischen 37.500 und 33.500 Jahre alt sind. In der rumänischen Peçtera Coliboaia wurden figürliche Darstellungen auf 32.000 Jahre datiert und in der Grotta di Fumane bei Verona auf 35.000 Jahre.

          Drei Stilphasen offenbarte das Uran

          Wie alt die Gemälde in Ostkalimantan sind, war lange unklar. Sie sind mit anorganischen Pigmenten ausgeführt, und es gibt in den Höhlen bislang auch kaum archäologische Grabungen, deren Funde man mit der Radiokohlenstoff-Methode hätte datieren können. Nun aber haben Forscher um den Archäologen und Geochemiker Maxime Aubert von der Griffith University im australischen Bundesstaat Queensland in Nature Datierungen von 13 Motiven aus sechs verschiedenen Höhlen des Sangkulirang-Karstgebietes veröffentlicht. Ihnen war es gelungen, Kalkablagerungen über den Pigmentschichten auf Spuren von Uran und seinem Zerfallsprodukt Thorium zu analysieren und daraus das Mindestalter der Malereien zu bestimmen. Bereits 2014 hatten sie auf diese Weise auf der benachbarten Insel Sulawesi das Alter einer Tierdarstellung auf mindestens 35.500 Jahre bestimmen können und die eines Handumrisses auf 39.900 Jahre oder älter. Noch aber blieben Tiere der Grotte Chauvet die ältesten figürlichen Höhlenmalereien.

          Das sind sie nun nicht mehr. In den Höhlen Borneos konnten Aubert und Kollegen drei Stilphasen unterscheiden. Die jüngste ist mit einem Alter von weniger als 10.000 Jahren wahrscheinlich das Werk jungsteinzeitlicher Völker. Die mittlere Phase fällt mit einem Alter von 14.000 bis 20.000 in die Hochphase der jüngsten Eiszeit, die für extrem niedrigen Meeresspiegel sorgte. Die älteste, ebenfalls eiszeitliche Phase kennt auf Borneo noch keine Darstellungen von Menschen, wohl aber die von Tieren und wurde in der Höhle Lubang Jeriji Saléh auf mindestens 40.000 Jahre datiert.

          Mit einem Altern von mindestens 40.000 Jahren ist diese Darstellung eines Tieres in einer Höhle auf Borneo die älteste figürliche Malerei der Welt.

          Damit sind die gemalten Wildrinder im Lubang Jeriji Saléh zu etwa derselben Zeit entstanden wie die Elfenbeinschnitzereien aus der Schwäbischen Alb, der frühesten bekannten Skulpturkunst. Diese kennt zwar nicht nur Tierdarstellungen, sondern mit der „Venus vom Hohlefels“ auch eine Menschenfigurine, und in ihren Fundschichten kamen zudem Reste von Flöten aus Knochen und Elfenbein zutage. Doch wenn sich die Datierungen des Aubert-Teams bestätigen, dann ist figürliche Kunst kein Alleinstellungsmerkmal des europäischen Aurignacien mehr.

          Nun hatte die vermeintlich singuläre Kulturexplosion im Aurignacien die Forscher vor das Problem gestellt, diese zu erklären. Zwar weist alles darauf hin, dass es sich bei den Aurignaciens um anatomisch moderne Vertreter der Gattung Homo sapiens handelte, die zur fraglichen Zeit, vor 40.000 bis 45.000 Jahren, gerade nach Mitteleuropa vorgedrungen waren, während die dort schon lange lebenden Neandertaler wenig später verschwanden.

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