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Insolvente Drogeriekette : Der Niedergang des Schlecker-Imperiums

Die Konkurrenz nimmt lieber die Kunden statt der Filialen: Lars und Meike Schlecker, die Kinder des Unternehmensgründers, kämpfen um ihr Erbe Bild: Michael Trippel/laif

Die Schleckers haben den Handel mit Seife und Kosmetik revolutioniert. Danach ihre Leute schlecht behandelt und den Ruf ruiniert. Nicht nur deshalb sind sie jetzt pleite.

          Anton Schlecker ist jetzt nicht mehr nur der große Ausbeuter, jetzt gilt er gemeinhin als Versager. Alles hat er falsch gemacht, sagen sie nun, da der Mann am Boden liegt. Die angekündigte Insolvenz seines Unternehmens wird von jenem Erstaunen begleitet, das sich immer einstellt, wenn sich etwas Großes, Vertrautes plötzlich als vergänglich erweist. Doch es kommt noch Häme hinzu und irgendwie das oberflächliche Gefühl, ein böser Mann bekomme seine gerechte Strafe. Als ob die Welt so einfach wäre.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Anton Schlecker ist ein großer Unternehmer. Er hat eine Handelskette mit mehr als 10.000 Filialen aufgebaut, Kunden konnten billig und bequem Kosmetika kaufen, so etwas gab es vorher noch nicht. Heute scheint sein Lebenswerk aber nicht mehr in die Zeit zu passen. Seine Unternehmensstrategie ist gescheitert. Schlecker ist pleite.

          Mitte der siebziger Jahre ging es los

          Der gelernte Metzger aus Ehingen war nicht der Einzige, der sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre aufmachte, Deutschland mit Drogerie-Discountmärkten zu überziehen. Außer ihm waren da noch drei andere Unternehmerpersönlichkeiten: Dirk Roßmann aus Hannover, Götz Werner (dm) aus Karlsruhe und Erwin Müller aus Ulm. Zusammen prägen sie heute den Handel mit Drogerieartikeln. Alle vier legten Mitte der siebziger Jahre so richtig los. 1974 war die Preisbindung für Drogerieartikel gefallen. Die Kunden konnten von da an über Sonderangebote und Niedrigpreise herbeigelockt werden.

          Medienscheu: Unternehmensgründer Anton Schlecker, 1999 aufgenommen

          Der Niedersachse Dirk Roßmann beansprucht die Position des Pioniers. 1972 hatte der Spross einer Drogistenfamilie in dritter Generation seinen ersten „Markt für Drogeriewaren“ in Hannover aufgemacht. Ein Markt war etwas ganz anderes als die Drogerien von damals: Bis dahin wurden Drogerieartikel hinter einem Tresen wie in der Apotheke verkauft. Das Quartett der Drogerie-Entrepreneure machte die Artikel billiger und manchen alteingesessenen Unternehmen den Garaus.

          War Roßmann der Erste, so wurde Anton Schlecker der Schnellste: Er begann in Kirchheim/Teck 1975 mit seinem ersten Drogerie-Discountmarkt, nachdem er sich schon mit SB-Warenhäusern und Metzgereien versucht hatte. Zwei Jahre nach der Drogerie-Premiere hatte Schlecker schon 100 Läden. Das Unternehmen stieg schnell zum Branchenprimus auf, 1984 waren es 1000 Filialen. Von 1987 an expandierte Anton Schlecker ins europäische Ausland. In der Spitze führte er europaweit mehr als 14.000 Filialen, 50.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von mehr als 7 Milliarden Euro. In Deutschland konnte fast jeder seinen Schlecker zu Fuß erreichen.

          Kärglicher als Aldi-Nord vor zehn Jahren

          Dann passierte etwas mit Schleckers Kernpublikum, den Frauen, vor allem den Müttern: Sie blieben weg. Das ist gefährlich. Mütter bilden die begehrteste Kunden-Gruppe der Drogeriemärkte und sind deshalb heiß umkämpft. Ihnen kann man Windeln, Feuchtigkeitstücher, Babynahrung und Kinder-Shampoo andienen. Dazu Cremes gegen Schwangerschaftsstreifen. Das Gute ist, sie kommen immer wieder, zumindest solange sie Windeln brauchen. Und wenn sie sich dann eingewöhnt haben, bleiben sie treu. Weniger gut aus Sicht der Drogisten ist, dass die Mütter von heute extrem anspruchsvoll geworden sind. Sie wollen es zwar immer noch billig, aber jetzt soll das Sortiment fair gehandelt, gesund, möglichst ökologisch und anständig sein.

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