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Fehlende Investitionen : Wo bleibt der Mut?

  • -Aktualisiert am

Skepsis ist vorherrschend: Für das Jahr 2015 bereiten die ausbleibenden privaten Investitionen für Sorgen. Bild: Illustration

Deutschland hat gute Laune. Kaum einer ist arbeitslos, alle konsumieren, viele sind optimistisch. Nur die Firmen halten sich zurück und horten Bares, statt zu investieren. Es fehlen die Ideen. Und der Mut.

          4 Min.

          Dieser Text beginnt im Konjunktiv: Eigentlich müssten gerade alle in Deutschland jubeln. Nicht nur normale Leute, auch Unternehmer. Die Gründe liegen auf der Hand. Deutschland wächst – in Zeiten, in denen andere rundherum schrumpfen. Deutschland ist gut durch die Krise gekommen. Die deutschen Arbeitskräfte sind gefragt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig wie nie. Das wiederum wirkt positiv auf die Firmen, da mehr ihrer Produkte gekauft werden. Die Kauflaune der Deutschen ist bestens, zuletzt mehrfach gestiegen. Die meisten Deutschen bewerten das Jahr 2014 als ein gutes Jahr für sie ganz persönlich.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und die bislang eher verhaltenen Aussichten fürs kommende Jahr revidieren sich gerade. Die Möglichkeit, dass die Russlandkrise sich zu einer veritablen Finanzkrise auswächst, ist zwar als Gefahr ernst zu nehmen. Ansonsten aber stehen die Zeichen auf Besserung. Bundesbankchef Jens Weidmann sagt: „Das derzeit billigere Erdöl wirkt wie ein Konjunkturprogramm“ und ist sicher: Das Jahr 2015 wird besser als bislang gedacht.

          Eigentlich – und hier kommen wir wieder zum Konjunktiv – wäre also längst die Zeit, dass die Firmen ihr Bares vom Konto nehmen und investieren: in Deutschland, versteht sich. Ehrlich gesagt, hätten sie das schon seit Jahren tun müssen. Zum Beispiel Ende 2010, als die Geschäftserwartungen so gut waren wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung – wenn man den Ifo-Geschäftsklimaindex als Maßstab nimmt. Oder Anfang dieses Jahres, als die Unternehmer ebenfalls sehr optimistisch waren.

          Wo sind all die Investitionen hin?

          Doch: Es tut sich nichts. Seit der Wiedervereinigung, die einen kleinen Investitionsboom auslöste, gehen die privaten Investitionen (gemessen am Anteil des Bruttoinlandsprodukts) tendenziell zurück. Insbesondere neue Produktionsanlagen werden immer weniger gebaut. Die Bruttoanlageinvestitionen lagen in Deutschland zwischen 2000 und 2014 im Durchschnitt bei 20 Prozent der Wirtschaftskraft. Selbst in Italien und Frankreich war es mehr, in Amerika sowieso.

          Bild: F.A.Z.

          Der oberste Investitionsmahner in Deutschland ist der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher. Er sagt: „Seit 1999 hat Deutschland einen Investitionsrückstand von rund einer Billion Euro aufgebaut und dadurch erhebliche Wachstumschancen verpasst.“ Dadurch gefährdeten wir die Zukunft Deutschlands.

          Die genaue Größe dieser sogenannten Investitionslücke muss man nicht teilen und schon gar nicht die Lösung, dass nun der Staat gehörig mehr investieren muss, um sie zu schließen. Immerhin liegt es in wirtschaftlich guten Zeiten nahe, dass die Firmen selbst optimistisch genug sind, um Geld auszugeben. Fakt ist aber: Etwas stimmt nicht in diesem Land. Wo sind all die Investitionen hin?

          Für Investitionen sind Ideen, Mut und Geld notwendig

          Das muss uns sorgen. Denn unter Ökonomen ist unbestritten, dass Investitionen der Schlüssel zu Wachstum und Beschäftigung sind – auf kurze und vor allem auf lange Sicht. Sie bestimmen die Wettbewerbsposition eines Landes und sind deshalb viel mehr als nur ein kurzfristiger Konjunkturimpuls. „Investitionen erhöhen die Produktionskapazitäten, was die Grundlage für Wachstum schafft“, sagt Klaus Bauknecht, Ökonom der IKB Deutsche Industriebank. Die Produktivität steigt mit dem Einsatz des Kapitals je Arbeitnehmer. In einer Gesellschaft, die immer älter wird und wo Arbeitskräfte bald knapp sind wie in Deutschland, kommt dem Kapital schon bald die entscheidende Rolle zu. Schaut man sich unter dieser Voraussetzung die Kurve der privaten Investitionen der vergangenen Jahrzehnte an, kann einem schon etwas mulmig werden.

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