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Bundesnetzagentur : Wenn Verzicht auf Gas einen Preis bekommt

  • -Aktualisiert am

Klaus Müller ist seit März 2022 Präsident der Bundesnetzagentur. Zuvor war er Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Bild: dpa

Unternehmen sollen in Kürze per Auktion überschüssiges Gas am Markt anbieten können. Wie funktioniert das neue Modell – und was steckt hinter dem Fachbegriff Regelenergieprodukt? Ein Gastbeitrag.

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          Wir sind in einer Krise, für die es kein Vorbild gibt. Es gilt, eine Gasmangellage abzuwenden, die Schäden für die Wirtschaft und für uns alle möglichst gering zu halten. Seit Monaten arbeiten wir als Bundesnetzagentur hart daran, den Gasnotfall zu vermeiden. Gleichzeitig bereiten wir uns darauf vor, falls er doch eintritt. Wir modellieren Szenarien, tauschen uns fortwährend mit der Industrie, Gewerkschaften und Wissenschaft aus und rufen zum Gassparen auf.

          In dieser Situation können wir es uns nicht leisten, irgendein Instrument ungenutzt zu lassen. So haben wir gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und der Trading Hub Europe (THE) im Austausch mit der Industrie ein Regelenergieprodukt entwickelt, das auch als „Gasauktionsmodell“ bezeichnet wird. Angesichts der großen Probleme sind allerdings Erwartungen entstanden, die das Regelenergieprodukt nicht erfüllen kann und nicht erfüllen sollte.

          So funktionieren die neuen Gasauktionen

          Das Regelenergieprodukt greift, wenn sich ein Gasengpass abzeichnet, wenn also die kurzfristigen Prognosen ergeben, dass weniger Gas da ist, als verbraucht wird. Knapp zusammengefasst funktioniert es so: Industriekunden geben ein Gebot ab, zu welchem Preis sie bereit sind, ihren Gasverbrauch zu reduzieren. THE kann dann, ausgehend vom niedrigsten Gebot, so lange Gas von den Unternehmen beziehen, bis das Verhältnis zwischen verfügbarer Gasmenge und Gasverbrauch wieder im Gleichgewicht ist.

          Anders als bei klassischen „Auktionen“ gibt es weder für die Gebotsabgabe noch für die Zuteilung eine Frist. Die Eingabemaske ist immer offen, die Losgröße variabel, und auch kleinere Mengen können an­geboten werden. Auch die Vorlaufzeit für die Abschaltung ist durch den Anbieter frei wählbar. Die Bedingungen sind sehr be­wusst so ausgestaltet, dass sie den Zu­gang für industrielle Verbraucher erweitern und erleichtern. Nicht nur die Anforderungen des Gasnetzes stehen hier im Fokus, sondern eine möglichst hohe Flexibilität für die Bieter. THE hat letzte Woche die Vertragsbedingungen und die Be­schreibung des Regelenergieprodukts veröffentlicht. Es wird hier „Load Reduction“ (LRD) genannt. Dieses Produkt wird zum 1. Oktober dieses Jahres, also pünktlich zur Heizperiode, eingeführt. Gebote können von diesem Donnerstag an abgegeben werden.

          Selbstverständlich ist auch ein umfangreicher Einsatz des neuen Regelenergieprodukts nicht wünschenswert. Er wäre Zeugnis der angespannten Situation, in der sich unsere Gasversorgung dann befindet, und es wird unter Umständen nur noch um Schadensbegrenzung gehen. Der entscheidende Vorteil des Modells ist aber, dass es eine effizientere Abschaltreihenfolge ermöglicht, als Anordnungen der Bundesnetzagentur es leisten könnten. Wir sind überzeugt, dass diejenigen, die das Gas beziehen, also die Unternehmen, besser beurteilen können als eine Behörde, an welcher Stelle eine Gasreduktion am wenigsten schadet. Und genau dies können sie über ihre Gebote signalisieren.

          Notfallstufe für Gas vermeiden

          Für die Unternehmen liegt der Mehrwert auf der Hand: Erhalten sie den Zu­schlag, bekommen sie eine Vergütung. Sie bestimmen selbst den Preis, den Zeitpunkt, das Volumen und die Dauer der Abschaltung. Zudem bestehen für die Unternehmen kurzfristige Anpassungsmöglichkeiten, da sie abgegebene Gebote jederzeit von der Plattform nehmen und zum Beispiel am nächsten Morgen abermals eintragen können.

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