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Olympiaeinkaufszentrum : Nach Amoklauf bereitet sich München auf Weihnachtsgeschäft vor

Weihnachtsstimmung in München: Jetzt muss die Kundschaft nur noch kaufen. Bild: dapd

Auch zu Weihnachten wird München zur Konsummetropole. Aber im Olympiaeinkaufszentrum ist die Erinnerung an die Amoktat noch präsent. Müssen Händler nun mit Verlusten rechnen?

          Vor der grauen Betontreppe liegen Blumensträuße und Stofftiere. Friedhofskerzen werfen ein schwaches Licht auf die kleinen Bilderrahmen mit den Fotos der neun jungen Menschen, die der Münchner Amokläufer David S. hier am Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) getötet hat. Es war die Schreckensnacht des 22. Juli, und sie bleibt eng verbunden mit dem Ort des Geschehens: „Schüsse im Olympiaeinkaufszentrum“, so lautete die Nachricht, die viele Münchner am frühen Abend auf ihren Mobiltelefonen erhielten. Seitdem ist das OEZ, wie die Münchner den grauen Betonklotz nahe dem Olympiastadion nennen, nicht mehr nur ein in den siebziger Jahren erbauter Einkaufstempel, sondern der Tatort eines menschenverachtenden Verbrechens.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Wer heute das OEZ googelt, stößt schnell auf die Bilder der Blutnacht. Und wer an diesem ersten Adventswochenende seine Weihnachtseinkäufe erledigen will, läuft unweigerlich an dem Beet von Trauerbekundungen auf dem Fußweg vorbei. Ein paar Meter hinter der provisorischen Gedenkstätte befindet sich ein kleiner Weihnachtsmarkt mit einem halben Dutzend Holzbuden und einem Kinderkarussell. Es duftet nach Gebratenem, nach Pommes, nach Glühwein. „Weihnachten liegt in der Luft“, verspricht ein riesiges Werbebanner an der OEZ-Fassade. Wenn es doch nur so einfach wäre, sagt sich eine Verkäuferin an der Kasse des Kaufhofs. Auch heute noch werde sie auf den 22. Juli angesprochen. „Manche Kunden erzählen, was sie gemacht oder gedacht haben am Abend des Münchner Amoklaufs“, sagt die junge Frau.

          Christoph von Oelhafen, der Center-Manager des OEZ, kann die Auswirkungen in Zahlen fassen: 14 Prozent betrug das Umsatzminus im dritten Quartal über alle Branchen. Die Jahreserlöse der 135 Fachgeschäfte dürften von 220 Millionen auf gut 200 Millionen Euro fallen, schätzt Oelhafen. „Uns fehlen neun bis zehn Wochen Umsatz. Die holen wir nie und nimmer auf.“

          Stillstand nach dem Amoklauf

          Nach dem Amoklauf wurden alle geplanten Veranstaltungen und Aktionen aus Gründen des Respekts gegenüber den Opfern und deren Angehörigen abgesagt, die Läden blieben tagelang geschlossen. Die McDonald’s-Filiale am OEZ, in dem David S. fünf Jugendliche erschossen hatte, blieb sogar elf Wochen geschlossen. Jetzt ist sie umgebaut. „Die Kunden kommen wieder unbelasteter zu uns“, sagt Center-Manager Oelhafen. Das OEZ tut viel, um die Kundschaft in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Unzählige Kunststoffweihnachtsbäume mit goldenen Christbaumkugeln säumen die Einkaufspassagen, von den Decken hängen beleuchtete Sternenkränze. Oelhafen hofft auf ein gutes Weihnachtsgeschäft, um die Einbrüche vom August und September etwas aufzufangen.

          Die Sehnsucht nach Weihnachten ist in Bayern besonders groß: Der Amoklauf am OEZ in München, die Attentate in Würzburg und Ansbach – nach solchen Tragödien seien die Menschen erst recht sensibilisiert für das Fest des Friedens, glaubt Ernst Läuger, der Präsident des Handelsverbands Bayern. Er erwartet nach guten Erlösen im November ein starkes Weihnachtsgeschäft, vor allem in der Landeshauptstadt. „München ist eine Welteinkaufsstadt“, sagt Läuger. In den kommenden vier Wochen werden wieder Touristen aus aller Welt auf die Christkindlsmärkte strömen. Die Angst vor neuen Anschlägen, die noch das Münchner Oktoberfest begleitet hat, scheint verflogen. Dennoch hat die Stadt im Zentrum auf dem Marienplatz 14 Kameras installiert und auch eine Lautsprecheranlage für Durchsagen.

          Zwischen Einkaufsrausch und Gedenktafel

          Etwa ein Fünftel des gesamten Jahresumsatzes machen Bayerns Händler in den beiden Weihnachtsmonaten. Bis Dezember dürfte ein Umsatzplus von 2,5 Prozent auf 13,7 Milliarden Euro herausspringen, sagt der Verband voraus und stützt sich auf eine Umfrage der FOM Hochschule für Oekonomie & Management. Danach wird ein Durchschnittshaushalt in Bayern 522 Euro für Geschenke ausgeben, und damit 27 Euro mehr als im Vorjahr. Wie im Rest der Republik liegt auch in Bayern ein Viertel der Geschenke als Gutschein oder Bargeld unter dem Weihnachtsbaum. Dass immer mehr Menschen ihre Weihnachtseinkäufe über Amazon oder Ebay abwickeln, ist für den Handelsverbandspräsidenten nicht gleichbedeutend mit dem Abgesang auf den stationären Handel. „Unsere Branche hat den Online-Handel längst für sich entdeckt“, sagt Läuger. In München verkaufen Vorzeigehändler wie Dallmayr oder Hirmer ihr Sortiment auch online, vom bekannten Haushaltswarengeschäft Kustermann gibt es immerhin Kochkurse und Gutscheine auf Knopfdruck. Knapp 90 Prozent der Geschäfte nutzen die eigene Website als Visitenkarte, um auffindbar zu sein für die vielen Touristen. Jeder dritte bayerische Einzelhändler hat Läuger zufolge inzwischen auch einen Online-Shop. Fast 1,8 Milliarden Euro werden in Bayern im Weihnachtsgeschäft online erlöst werden, ein zu erwartendes Plus von 9 Prozent. Tendenz von Jahr zu Jahr steigend.

          Im Olympiaeinkaufszentrum denken die Verantwortlichen derweil über das Weihnachtsgeschäft hinaus. Center-Manager Oelhafen ist sich mit der Stadt einig, der Opfer des Amoklaufs zu gedenken. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hat bereits angekündigt, zum ersten Jahrestag eine Tafel aufstellen zu wollen. Einen geeigneten Platz gibt es auch: vor der grauen Betontreppe direkt am Eingang, dort wo auch ein halbes Jahr später immer wieder Menschen Blumen ablegen und Friedhofskerzen anzünden.

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