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In 30 Minuten zum Krankenhaus : Politiker wehren sich gegen Klinik-Schließungen

  • -Aktualisiert am

Notaufnahme in Laatzen Bild: dpa

Kliniken fehlt teilweise Geld und Personal. Ministerpräsidenten und Kommunalvertreter halten dennoch an Krankenhäusern in der Nähe fest.

          3 Min.

          Viele Landesregierungen halten an einer dichten Verteilung von Krankenhäusern fest. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will, dass alle Patienten in 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen. Tendenziell gebe es aber eine Überversorgung in den Ballungsgebieten und eine Unterversorgung auf dem Land.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ähnlich äußern sich andere Politiker und Vertreter des ländlichen Raums. „Wohnortnähe muss neben anderen ein wichtiges Ziel der Krankenhausplanung bleiben“, sagte Landkreistag-Hauptgeschäftsführer Hans-Günter Henneke der F.A.Z.. Allerdings müsse in den Bundesländern besprochen und entschieden werden, was Wohnortnähe im Jahr 2020 konkret bedeutet – auch im Verhältnis zu Fragen der Qualität und der Versorgung im ambulanten Sektor. „Bundesweit betrachtet sehen wir im ländlichen Raum wenig Spielraum für womöglich zahlreiche Klinikschließungen.“

          Gerade das Festhalten an der raschen Erreichbarkeit kritisiert Christoph Staub, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, die mit rund 9 Millionen Versicherten die zweitgrößte deutsche Krankenkasse ist. „Zu viele Kliniken konkurrieren um knappe Ressourcen“, schrieb er in einem Gastbeitrag in der Montagsausgabe der F.A.Z.. Schuld sei die „irrationale Liebe der Bürger, der Politik und der Medien zu ihrem wohnortnahen Krankenhaus“. Bislang seien daran alle Versuche gescheitert, Krankenhäuser ausschließlich nach den Kriterien hohe Versorgungsqualität und medizinische Sinnhaftigkeit zu betreiben. Nötig sei der Ersatz von Krankenhäusern der Grundversorgung durch flächendeckend interdisziplinäre, überwiegend ambulante Gesundheitszentren.

          Wie lassen sich Krankenhäuser umbauen?

          Der Städte- und Gemeindebund fordert ähnliche Zentren, ist allerdings gegen Klinik-Schließungen. In einigen Ballungsräumen gebe es viele, aber in anderen Regionen zu wenige Krankenhäuser. Stattdessen sollten sie zu Gesundheitszentren weiterentwickelt werden, in denen ebenfalls Fachärzte behandeln. Ein Krankenhaus in Brandenburg sei umgebaut worden, um Ärzte, Krankenhaus, Apotheken, Therapeuten und Pflegedienste zu vernetzen. Die medizinisch notwendige Versorgung solle aus einer Hand ambulant und stationär erbracht werden. „Wenn ich eine Spezial-Operation brauche, auf die ich mich vorbereiten kann, fahre ich auch weiter“, sagte deren Beigeordneter Uwe Lübking. „Aber die Masse der Menschen sucht Krankenhäuser für Alltagskrankheiten auf.“

          Krankenhäusern fehlen teilweise Geld, Pfleger und Ärzte. Zeitweise mussten Intensivbetten gesperrt und Bereiche der Notfallversorgung abgemeldet werden. Barmer-Vorstandsvorsitzender Staub kritisiert zu geringe Investitionen der Bundesländer und sieht Zentralisierung und Spezialisierung als notwendig für eine gute Krankenhausversorgung an.

          Die Mehrheit der Kliniken könnte geschlossen werden

          Landesregierungen lehnen meist die Schließung kleinerer Krankenhäuser zugunsten von Spezialkliniken ab. „Der Hinweis auf abstrakte Statistiken kann nicht das tiefsitzende Bedürfnis der Menschen ersetzen, für alle Fälle in der Nähe ein Krankenhaus zu haben“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa unter Landesregierungen. Er spricht davon, ganz bewusst im Flächenland ein dezentrales Krankenhausangebot aufrechtzuerhalten. Seine rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer (SPD) verwies hierbei auf den Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse, weshalb die Grundversorgung in der Fläche auch mit Krankenhäusern gewährleistet sein soll. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sieht das ähnlich – allerdings habe es im Land schon Schließungen einzelner Stationen gegeben, weil Personal fehle. Daher müsse die Klinikstruktur überprüft werden. Der Thüringer Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) hält eine stärke Spezialisierung der Krankenhäuser für angezeigt, weshalb jedoch nicht Krankenhäuser schließen müssten.

          Nach einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung könnten 800 von 1400 Kliniken geschlossen werden. Dadurch sollen Fachabteilungen wachsen und mit genügend Erfahrung Patienten besser behandeln können.

          Der Landkreistag entgegnet dem, dass die verbleibenden 600 Krankenhäuser in größeren Städten angesiedelt wären. Mehr als die Hälfte der Deutschen lebe in ländlichen Landkreisen und Gemeinden. „Vor diesem Hintergrund erscheint der Vorschlag absurd“, sagte Henneke. „Das Ziel einer wohnortnahen Versorgung überall in Deutschland würde praktisch aufgegeben.“

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