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Zentralrat der Juden : „Juden haben keine Angst, aber Sorge“

Die Juden hierzulande müssten nicht die Entscheidungen der israelischen Regierung rechtfertigen, meint Josef Schuster vom Zentralrat der Juden. Bild: dpa

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, spricht über Judenfeindlichkeit unter Muslimen und die Pegida-Demonstrationen. Er rät keineswegs vom Tragen einer Kippa ab, auch wenn anderes behauptet wurde.

          In Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil trage man als Jude besser keine Kippa, hat Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, jüngst festgestellt. Er sei überrascht gewesen, welche Wellen diese Äußerung geschlagen habe, sagte Schuster jetzt im Haus Metzler in Bonames bei einer Veranstaltung der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums. Überrascht hat ihn aber auch, wie dieser Satz, zu dem er weiterhin steht, missinterpretiert worden ist bis hin zu der Behauptung, er rate Juden generell vom Tragen einer Kippa ab.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Juden müssten in Deutschland keine Angst haben und empfänden im Allgemeinen auch keine, äußerte der Zentralratspräsident im Gespräch mit F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka. Aber sie machten sich zu Recht Sorgen. Judenfeindlichkeit unter Muslimen, die Pegida-Demonstrationen und nicht zuletzt untergründiger Antisemitismus unter Normalbürgern, der sich darin ausdrückt, dass laut einer Umfrage jeder fünfte Deutsche nicht gerne neben einem Juden wohnen würde: das sind die Probleme, denen sich Schuster in seinem neuen Amt stellen muss.

          „Aufklärung tut not“ bei Pegida-Anhängern

          Es gehört zur deutschen Realität, dass jüdische Einrichtungen unter besonderem Schutz der Polizei stehen. Vor der Frankfurter Westend-Synagoge etwa wachen Tag und Nacht zwei Polizisten, wer ins Jüdische Museum will, muss zuerst an Wachleuten vorbei und sich kontrollieren lassen. Schuster hält solche Schutzmaßnahmen für notwendig. Doch sei es sein größter Wunsch, dass sie am Ende seiner Amtszeit als überflüssig erachtet werden könnten, sagte er. Es ist ein frommer Wunsch, wie er selbst einräumt.

          Über den Zulauf, den die Pegida-Demonstrationen in Dresden erfahren haben, ist Schuster erschrocken. „Aufklärung tut not“, meinte Schuster, man müsse den Teilnehmern klarmachen, hinter wem sie herliefen. Mit den Pegida-Demonstranten müsse man reden, nicht aber mit den Anführern. Einen Dialog würde der Zentralrats-Präsident Schuster auch mit den hiesigen Muslimen führen. Doch es sei schwer, sprechfähige Vertreter der Muslime zu finden.

          Zentralrat keine Außenstelle Israels

          Die Aufforderung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nach den Attentaten in Paris an die Juden Europas, nach Israel zu emigrieren, hält Schuster nicht für glücklich. Im Übrigen sei man auch in Israel nicht vor Anschlägen sicher, fügte er hinzu. Der Judenstaat im Nahen Osten werde, weil er jedem Juden in der Welt die Aufnahme garantiere, von den Juden in der Diaspora als eine Lebensversicherung angesehen. Die Mitglieder der 108 jüdischen Gemeinden hierzulande empfänden denn auch im Allgemeinen eine hohe Sympathie für Israel. Allerdings sei der Zentralrat keine Außenstelle Israels und nicht dessen Botschaft. Er und die Juden hierzulande müssten nicht die Entscheidungen der israelischen Regierung rechtfertigen.

          Für Schuster, der 1954 in Haifa geboren wurde und der als Zweijähriger mit seinen Eltern nach Franken kam, steht immer die Synagoge im Mittelpunkt der Gemeinde, so wie bei ihm in Würzburg. Er selbst besucht regelmäßig den Gottesdienst, hält mit seiner Familie die jüdischen Feiertage ein und führt einen koscheren Haushalt.

          Trotz seines Ehrenamts als Zentralratspräsident will der Internist Schuster seine Arztpraxis in Würzburg nicht aufgeben. In der Regel legt er die Behandlungstermine auf den Morgen. Schusters jüdische Familie gehört zu den wenigen in Deutschland, deren Wurzeln hierzulande weit zurückreichen, in seinem Fall an die 450 Jahre. Die Großeltern und sein Vater konnten 1938 nach Palästina emigrieren, nachdem sie von den Nazis enteignet worden waren. Die Großeltern kehrten Anfang der fünfziger Jahre zurück, weil sie den restituierten Grundbesitz in Bad Brückenau von Haifa aus nicht ordentlich verwalten konnten. Schusters Großeltern mütterlicherseits wurden in Auschwitz ermordet.

          Freunde sammeln für Jüdisches Museum

          Freunde sammeln für Jüdisches Museum Das Jüdische Museum Frankfurt erhält einen Anbau, in dem unter anderem das Familie-Frank-Zentrum mit dem Nachlass von Anne Franks Familie Platz finden soll. Sein Hauptsitz, das Rothschild-Palais, soll saniert und die Ausstellung neu gestaltet werden. Am 19. Juli wird das Haus deshalb geschlossen, die Neueröffnung ist für 2017 geplant. Die Dependance Museum Judengasse soll nach ihrer Renovierung Ende 2015 oder Anfang 2016 wiedereröffnen. Die Stadt Frankfurt stellt für alle diese Vorhaben 50 Millionen Euro zur Verfügung. Darüber hinaus sammelt die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Museums Geld für die Projekte. Laut ihrem Vorsitzenden Andreas von Schoeler hat sie bisher 2,2 Millionen zusammengetragen und damit das Ziel von zwei Millionen Euro schon übertroffen. Die größte Summe kam mit 370 000 Euro von der Ars Mentor Stiftung in Luzern. Das Land Hessen hat zwei Millionen Euro zugesagt. (rieb.)

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