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Outdoor-Bekleidung : Jack Wolfskin als Spielball der Finanzinvestoren

  • -Aktualisiert am

Hängepartie: Der in Idstein ansässige Bekleidungsspezialist Jack Wolfskin steht vor einer unsicheren Zukunft. Bild: Wonge Bergmann

Wieder einmal scheint der Idsteiner Outdoor-Spezialist vor dem Verkauf zu stehen. Die Stadt will ihren größten Arbeitgeber halten.

          3 Min.

          Christian Herfurth (CDU) macht sich Sorgen. Nicht dass dem Idsteiner Bürgermeister konkrete Hinweise vorliegen, der größte betriebliche Arbeitgeber in der Stadt stehe vor einer existentiellen Krise oder erwäge gar die Abwanderung aus dem beschaulichen Taunusstädtchen. Doch die Nachrichten, die Herfurth in jüngster Zeit in der Wirtschaftspresse über Jack Wolfskin, den ortsansässigen Spezialisten für Freizeitbekleidung, zu lesen bekommen hat, sind wenig ermutigend. 388 seiner insgesamt rund 1100 Beschäftigten hat Jack Wolfskin in dem von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägten Idstein. Damit liegt das Unternehmen bei den Arbeitgebern an erster Stelle, deutlich vor dem Sozialkonzern Vitos und der Stadtverwaltung. Jack Wolfskin ist seit 20 Jahren in Idstein zu Hause. Die Firmenzentrale ist nur gemietet, und die Geschäfte des Unternehmens ließen sich auch von anderen Standorten in Deutschland und der Welt steuern.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der langjährige Geschäftsführer und Mitgesellschafter Manfred Hell brachte die Philosophie des 1981 in Frankfurt von Ulrich Dausien gegründeten und 1997 in den Untertaunus verlagerten Unternehmens auf einen einfachen Nenner: „Es soll Spaß machen, sich draußen zu bewegen“, und: „Schlechtes Wetter ist unser Freund.“ Jack Wolfskin rüstet Naturburschen und solche, die es gerne wären, mit passender, komfortabler und funktionaler Bekleidung und mit Ausrüstung für ein temporäres Leben in der Natur aus. Hell hatte 2002 die Chance eines Management-Buyouts genutzt, nachdem die amerikanische Mutter Johnson Outdoors Inc. ihr 1991 erworbenes Tochterunternehmen wieder abgeben wollte. Mitglieder der Geschäftsleitung und die Investorengruppe „Bain Capital“ griffen für insgesamt 64 Millionen Euro zu und finanzierten ein ambitioniertes Wachstumsprogramm. Damals lag der Umsatz bei rund 72 Millionen Euro.

          Der Outdoor-Markt ist gesättigt

          Die guten Aussichten lockten Finanzinvestoren an, weil sie der Ansicht waren, dass in Jack Wolfskin mit seinem Geschäftsmodell und der Aussicht auf eine Internationalisierung der Marke viel Geld steckt. Schon 2005 veräußerte Bain Capital das Unternehmen für angeblich 93 Millionen Euro an Quadriga Capital und Barclays Private Equity, die den Wert der Marke noch steigerten. Jack Wolfskin erhöhte seinen Umsatz im Jahr 2009 gegenüber dem Vorjahr um rund 45 Millionen auf 251,4 Millionen Euro und konnte ihn damit seit 2006 mehr als verdoppeln. Das Haus war damit eine begehrte Perle für Investoren. 2011 war der Beteiligungsgesellschaft Blackstone die Marke mit der Wolfstatze angeblich 700 Millionen Euro wert. Sie setzte sich mit diesem Angebot gegen den ebenfalls interessierten Milliardär Günter Herz durch. Finanziert wurden allerdings 500 Millionen Euro des Kaufpreises mit Bankkrediten, die das Unternehmen fortan schwer belasteten. Im Zuge der Übernahme verließ Hell nach fast einem Vierteljahrhundert das Unternehmen.

          Auf Hell folgte nach einer längeren Phase der Vakanz 2012 Michael Rupp, der zuvor 20 Jahre lang Erfahrungen in der Bekleidungsbranche gesammelt hatte, davon eine Dekade bei Adidas und deren US-Tochter The Rockport Company. Rupp lobte damals Jack Wolfskin als „einzigartige Marke mit einer großartigen Produktpalette“, doch er blieb nur zwei Jahre und ging „aus privaten Gründen“. Ende 2014 wurde Melody Harris-Jensbach zur Vorstandsvorsitzenden ernannt, eine 53 Jahre alte Koreanerin mit amerikanischem Pass, die auf reichhaltige Erfahrungen beim Sportartikelhersteller Puma und der Modemarke Esprit zurückblicken kann. Derzeit gibt es in den deutschsprachigen Ländern etwa 200 Wolfskin-Läden, davon rund ein Viertel unter Regie des Unternehmens. Europaweit und in Asien sind die Produkte in mehr als 900 Jack Wolfskin-Geschäften und an über 4000 Verkaufsstellen erhältlich. Harris-Jensbachs Mission ist es, den Umsatzrückgang der zurückliegenden Jahre von 355 auf weniger als 325 Millionen Euro zu stoppen, das zuletzt angeschlagene Image der Marke aufzupolieren und sie trotz eines zumindest in Deutschland zunehmend gesättigten Outdoor-Marktes auf den Wachstumspfad zurückführen.

          „Wir wollen Jack Wolfskin in Idstein halten“

          Doch auf dem ohnehin beschwerlichen Weg steht vielleicht schon der nächste Eigentümerwechsel an. Ein Grund ist offenbar die Schuldenlast. Schon im Sommer 2015 hatte Blackstone auf Verlangen der Gläubiger 75 Millionen Euro frisches Kapital nachschießen müssen. Nach übereinstimmenden Medienberichten lotet Blackstone derzeit den Verkauf des mit 365 Millionen Euro hochverschuldeten Unternehmens aus. Inmitten der Verhandlungen mit den Gläubigern über eine finanzielle Sanierung von Jack Wolfskin habe Blackstone Interessenten aufgerufen, Übernahmegebote abzugeben, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Gleichzeitig stünden die Gläubiger kurz davor, einen Restrukturierungsplan vorzulegen, der ihnen durch den Tausch von Schulden in Anteile die Mehrheit eintragen würde. Reuters zitiert Insider, wonach unter den Gläubigern nicht Banken, sondern Hedgefonds wie H.I.G. Capital und CQS das Sagen haben.

          Eine Entscheidung soll bis Jahresmitte fallen. Anlass für die Restrukturierungsinitiative gaben offenbar Meldungen, dass Jack Wolfskin in diesem Jahr mit einem operativen Gewinn von 30 Millionen Euro rechnet, halb so viel wie bisher kalkuliert. Das Idsteiner Rathaus erreichen solche Informationen ebenfalls nur über die Medien. Der direkte Kontakt zur Zentrale am „Jack-Wolfskin-Kreisel 1“ ist längst nicht mehr so eng wie unter Firmenpatriarch Hell, sagt Bürgermeister Herfurth. Die unstete Entwicklung des Idsteiner Gewerbesteueraufkommens in den vergangenen Jahren lässt auf Turbulenzen beim größten Unternehmen der Stadt schließen, auch wenn dem Bürgermeister naturgemäß dazu keine Aussagen zu entlocken sind. Nur so viel ist klar: „Wir wollen Jack Wolfskin in Idstein halten“, sagt der Bürgermeister. Dass er darauf so gut wie keinen Einfluss hat, weiß er allerdings auch.

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