https://www.faz.net/-gzg-9wse6

Lehren aus Hanau : Unter dem Deckmantel einer pervertierten Meinungsfreiheit

  • -Aktualisiert am

Reihe des Grauens: Ein Teilnehmer des Trauerzugs am Sonntag in Hanau erinnerte an frühere Massenmorde von Rechtsextremen in aller Welt Bild: dpa

Die Wirkung von Hetze auf labile Persönlichkeiten kann nach dem Verbrechen von Hanau nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dem Treiben, das sich unter dem Deckmantel einer pervertierten Meinungsfreiheit ausdehnen konnte, ist endlich Einhalt zu gebieten.

          1 Min.

          Eine Diagnose lässt sich nicht mehr stellen. Dass Tobias R. psychisch krank war und von wirren rassistischen Gedanken getrieben, ist für viele aufgrund seiner Videobotschaften und dem ebenso im Internet veröffentlichten „Manifest“ gleichwohl klar. Nachdem sich der mutmaßliche Todesschütze von Hanau offenkundig selbst getötet hat, muss manches im Vagen bleiben. Für die Hinterbliebenen der Opfer und die Verletzten bedeutet dies eine zusätzliche Belastung.

          Mit einigem Abstand zu dem entsetzlichen Geschehen bedarf es gleichwohl einer, so weit das überhaupt möglich ist, nüchternen Analyse. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand war der Dreiundvierzigjährige in der rechtsextremen Szene nicht „vernetzt“. Aber was heißt das eigentlich in einer Zeit, in der sich jedermann, der sich ein wenig auskennt, krude religiöse oder ideologische Betrachtungen herunterladen und sie „teilen“ kann. Nach dem, wie ihn Bekannte und Nachbarn schildern, war Tobias R. nach außen hin „seltsam“, in sich gekehrt, eher unauffällig. Es mutet an, als habe er sich in den Galaxien des weltweiten Netzes ein Parallelleben zusammengebastelt. In Verschwörungstheorien und menschenverachtenden Ansichten könnte er eine Art geistige Heimat gefunden haben.

          So gefährlich wie die „einsamen Wölfe“

          Die Wirkung von Hass und Hetze auf labile Persönlichkeiten kann nach dem Verbrechen nicht hoch genug eingeschätzt werden. Deshalb ist es nun so wichtig, dem Treiben, das sich unter dem Deckmantel einer pervertierten Meinungsfreiheit immer weiter ausdehnen konnte, endlich Einhalt zu gebieten. Das gilt umso mehr, als in den vergangenen Jahren der überwiegende Teil terroristischer Attentate von Menschen begangen wurden, die sich selbst radikalisiert haben.

          Darüber darf aber nicht vergessen werden, dass es mindestens genauso viele gibt, bei denen sich die Überzeugung verfestigt hat, sie müssten, von rechts wie links, die Rettung des Staates, des Volkes, der Lehren des Propheten selbst in die Hand nehmen, ohne Rücksicht auf Menschenleben. Sie versuchen, ihre Kräfte auch in der realen Welt zu bündeln. Sie sind mindestens so gefährlich wie die „einsamen Wölfe“.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“ Video-Seite öffnen

          Ökumenischer Kirchentag : „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“

          Die Deutschen leben in einem reichen Land, das Milliarden Euro mobilisieren kann, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu bekämpfen. Und dennoch sind viele Menschen arm. Ein Gespräch zwischen Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär der Caritas, und Joachim Rock, Abteilungsleiter im Paritätischen Gesamtverband. Aus der Gesprächsreihe „Schaut hin- zum Ökumenischen Kirchentag 2021“.

          Topmeldungen

          Ist das wirklich notwendig? Ein wegen Corona gesperrter Spielplatz

          Gesundheitsfachleute : Harsches Urteil über Corona-Politik der Bundesregierung

          Gesundheitsfachleute halten die Präventionsmaßnahmen der Bundesregierung für ineffizient. Sie entscheide auf Basis unzureichender Daten. Auch für den bisher vorgenommenen „partiellen Shutdown“ zeigen sie nur ein gewisses Verständnis.
          Ein Kontoauszug mit der überwiesenen Summe von 9.000 Euro Corona-Soforthilfe.

          Betrugsverdacht : NRW stoppt Auszahlung von Soforthilfen

          Die Soforthilfe des Landes für Selbstständige und Unternehmen wird zum Wirtschaftskrimi: Betrüger haben offensichtlich Internetseiten gefälscht, um an Daten von Interessierten zu kommen und damit selbst Geld zu beantragen. Jetzt stoppt das Land die Auszahlungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.