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Kommentar : Raubkunst überall

Wer Raubkunst sucht, der findet. Und im Städel oder dem Historischen Museum wird gesucht. Das Problem ist, dass an einem Stück dubioser Herkunft kein Schild mit der Aufschrift „Raubkunst“ hängt.

          Gurlitt ist kein Einzelfall. Vielerorts in Deutschland und Europa sind jüdische Sammlungen geplündert und gestohlene oder abgepresste Kunstobjekte in den Kunstmarkt eingeschleust worden. Und in vielen Museen und Sammlungen befindet sich heute noch Raubkunst. Nun hat das Landesmuseum in Mainz fünf Porzellanfiguren aus der Sammlung der Emma Budge an deren Erben, darunter die Frankfurter Budge-Stiftung, zurückgegeben. Nächste Woche wird das Historische Museum verkünden, dass es weitere Raubkunst entdeckt hat, und irgendwann wird wohl auch das Städel einen neuen Fund melden.

          Wer sucht, der findet. Und im Städel oder dem Historischen Museum wird gesucht. Gott sei Dank. Diese Museen verhalten sich vorbildlich, an ihnen kann sich manches andere Haus ein Vorbild nehmen. Städel-Direktor Max Hollein hat einst das einzig Richtige zu dem leidigen Thema gesagt: Er möchte keine Raubkunst in seinem Museum sehen.

          Nur einen Bruchteil lokalisiert

          Das Problem ist, dass an einem Gemälde oder einer Porzellanfigur dubioser Herkunft kein Schild mit der Aufschrift „Raubkunst“ hängt. Von den etwa 1500 Objekten aus der Sammlung der Emma Budge, die 1937 in Berlin völlig unter Wert versteigert wurden, hat der Anwalt der Erben bis heute gerade einmal wenig mehr als 100 lokalisiert. Knapp 50 davon konnte er restituieren. Raubkunst hat eine fast unendliche Geschichte, wir werden in den nächsten Jahren noch manches unbekannte Kapitel zu lesen bekommen.

          Im Dritten Reich sind freilich nicht nur Kunstsammlungen von Juden oder politisch missliebigen Zeitgenossen geplündert worden. Ausgebombte haben, wie man derzeit in der Bombenkriegs-Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte erfahren kann, häufig die Wohnungen von deportierten Juden übernommen. Auf zahllosen Versteigerungen wurden Möbel, Kleider und Hausrat aus jüdischen Haushalten billig unters Volk gebracht. Noch heute dürfte das eine oder andere Objekt aus dubioser Quelle in deutschen Wohnstuben stehen. An eine Restitution ist hier gar nicht mehr zu denken.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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