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Jüdische Gemeinde Frankfurt : Weiter ein Vorbild

  • -Aktualisiert am

Gehen zusammen: Dieter Graumann (links) und Salomon Korn verlassen den Zentralrat der Juden. Hier sind sie in der Frankfurter Westendsynagoge zu sehen. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt sei eine Vorbild-Gemeinde par excellence. Doch mit dem Ausscheiden Dieter Graumanns und Salomon Korns aus dem Zentralrat der Juden verliert sie ihre bisherige personelle Führung.

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          Als Josef Schuster, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sich am späten Nachmittag nach einer Sitzung des Präsidiums im Jüdischen Gemeindezentrum Frankfurt vorgestellt hat, war sein Vorgänger Dieter Graumann schon nach Hause gegangen. Er, der vier Jahre lang die Geschicke des Zentralrats gelenkt hatte, wollte seinem Nachfolger bei der Pressekonferenz nicht die Schau stehlen.

          Lange hat der Frankfurter Graumann in den vergangenen Monaten hin und her überlegt, ob er noch einmal die Last auf sich nehmen sollte. Denn dass dieses Amt eine Last sein kann, hat er, der vor vier Jahren mit dem Wunsch, ein fröhliches Judentum zu präsentieren, so optimistisch angefangen hatte, bald merken müssen. Über ihn und die jüdische Gemeinschaft brach die Beschneidungsdebatte und jetzt im Sommer der Gaza-Krieg mit seinen antisemitischen Auswirkungen in Deutschland herein.

          Beide wären wiedergewählt

          Graumann hat sich für einen klaren Schnitt entschieden. Der Vierundsechzigjährige kandidierte nicht mehr für das Präsidentenamt, das ihm niemand streitig gemacht hatte, und scheidet auch aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt aus. Zurück bleibt ein von ihm neu organisierter Zentralrat, der zum einen dank höherer Zuschüsse des Bundes finanziell besser ausgestattet ist als früher und zum anderen professioneller agiert als vor Graumanns Zeiten. Schuster hat denn auch seinem Vorgänger ausführlich gedankt und bekannt, dass er jetzt ernten könne, was Graumann gesät habe.

          Nur einen halben Schnitt hat ein anderer Frankfurter gemacht. Salomon Korn ist künftig nicht mehr Vizepräsident des Zentralrats, bleibt aber Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Auch er wäre zweifellos wiedergewählt worden, hätte er noch einmal kandidiert. Mit dem Rückzug Graumanns und Korns verliert die Jüdische Gemeinde Frankfurt die Führungsfunktion, die sie während der vergangenen Jahre im deutschen Judentum innegehabt hat. Zumindest personell.

          Andere Gemeinden mit Rissen

          Für den neuen Präsidenten bleibt sie dennoch die Vorbild-Gemeinde par excellence. Schuster wählte für die hiesige jüdische Gemeinschaft das Bild eines Hauses. Der Zentralrat bildet für ihn das Dach, die einzelnen Gemeinden sind die Fundamente. Das Dach, so sagte er, müsse die Fundamente vor Unbill schützen. Wenn es Gewitter gebe und hineinregne, so führte Schuster das Bild fort, käme es schnell zu Rissen im Fundament.

          In Berlin sind solche Risse seit Jahrzehnten zu erkennen, man könnte sogar von Spalten sprechen. Innerhalb der Jüdischen Gemeinde dort haben sich Fraktionen und Richtungen immer aufs Neue bekämpft. Auch in München hat es in der Vergangenheit unschöne Differenzen zwischen orthodoxen und liberalen Juden gegeben.

          Offenbacher neuer Vizepräsident

          In Frankfurt dagegen haben Korn und Graumann in vorbildlicher Weise die verschiedenen religiösen Strömungen in der Westend-Synagoge zusammengeführt. In diesem nach dem Krieg orthodoxen Gotteshaus können inzwischen die Liberalen mit ihrer Rabbinerin in einem eigenen Raum ihren Ritus ausüben. Und auch für die ganz Frommen, also die Ultraorthodoxen, hat sich dort ein Plätzchen gefunden. Anderswo ist das immer noch undenkbar.

          Nicht nur auf dem Feld des Kultuswesens ist die Frankfurter Gemeinde ein Vorbild. Auch ihre sozialen Angebote, ihre Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Ganztagsschule mit gymnasialer Mittelstufe im Philanthropin und ihre jährlichen Kulturtage haben Maßstäbe gesetzt. In erstaunlicher Weise hat sich die einst so abgeschlossene Gemeinde nach außen hin geöffnet. Und auch die Integration der Einwanderer aus der früheren Sowjetunion, die bis 2005 in großer Zahl nach Deutschland kamen, hat man in Frankfurt besser gemeistert als anderswo. Auf die Mainmetropole werden die anderen Gemeinden auch jetzt, da Graumann und Korn nicht mehr den Zentralrat lenken, mit Bewunderung oder sogar Neid blicken.

          Personell vollständig ist die Jüdische Gemeinschaft im Rhein-Main-Gebiet freilich nicht im Zentralrat abgemeldet. Anstelle von Korn hat der Offenbacher Mark Dainow das Amt eines Vizepräsidenten übernommen.

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