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Insolvenz : Einmal mehr harte Zeiten für Schlecker-Belegschaft

Noch einmal aufgehübscht: Schlecker Filiale an der Berger Straße in Frankfurt. Bild: Lisowski, Philip

Die Schlecker-Strategie, den Drogeriemarkt mit der schieren Masse an Filialen auf Dauer beherrschen zu können, galt schon lange als gescheitert.

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          Wo Schlecker war, ist nun Oxfam drin. An der Leipziger Straße in Frankfurt ist schon vollzogen, was die etwa 30.000 Beschäftigten von Deutschlands bislang größter Drogeriekette befürchten müssen: das Aus für Schlecker. Und noch etwas wird an der Leipziger deutlich: Der erfolgreiche Konkurrent dm hat erst kürzlich in nächster Nähe seine zweite Filiale an der Straße eröffnet und zeigt, dass es in einem hart umkämpften Markt auch geht, ohne seine Mitarbeiter schlecht zu behandeln. Dafür ist der inzwischen rasch schrumpfende Branchenriese Schlecker über Jahre bekannt gewesen und er wurde deshalb auch gerichtlich belangt.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Mit einer Plan-Insolvenz, bei der die Unternehmensleitung selbst eine Strategie zur Fortführung der Geschäfte entwickelt, nicht der Insolvenzverwalter, soll bei Schlecker nun das Schlimmste verhindert werden. Wie viele der einmal etwa 12.000 Filialen am Ende übrig bleiben, ist offen. Vom Unternehmen war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.

          Alles unklar durch die Insolvenz

          In Hessen arbeiten nach einer Schätzung der Gewerkschaft Verdi 2000 Beschäftigte, fast ausschließlich Frauen, in zirka 500 Dependancen. Zum Vergleich: Konkurrent dm betrieb Ende 2011 zirka 125 Filialen in Hessen, in denen zuletzt 1570 Mitarbeiter Kunden bedienten.

          Im Bezirk Frankfurt ist nach Informationen der Gewerkschaft ohnehin im Zuge einer Restrukturierung die Schließung von etwa 30 Schlecker-Filialen geplant gewesen. Mit der Insolvenz sei nun auch das unklar. Wie Bernhard Schiederig, Fachbereichsleiter bei Verdi Hessen, auf Nachfrage berichtete, ist Schlecker erst im Dezember mit dem Wunsch an die Gewerkschaft herangetreten, über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln zu wollen. Es spricht nun aber nicht viel dafür, dass ein solcher Tarifvertrag nach dem Schritt in die Insolvenz noch zustande kommen könnte, denn er würde dem Unternehmen mehr Leistungen für die Mitarbeiter und die Gläubiger abverlangen, als in der Insolvenz unbedingt nötig wären, hieß es gestern. Nach Einschätzung von Gewerkschaftern hat das einst von Metzgermeister Anton Schlecker gegründete Unternehmen nicht zuletzt deshalb die Insolvenz gewählt, weil es so im Ernstfall nicht an die Abfindungsregelung eines Sozialtarifvertrags gebunden wäre. Nach dem könnte Beschäftigten eine Abfindung in Höhe von bis zu 80 Prozent Bruttomonatsentgelt je Jahr der Betriebszugehörigkeit zustehen, wie es gestern weiter bei Verdi hieß. Bei zwanzig Jahren wären das 16 Bruttogehälter bei etwa 2100 Euro für Vollzeitkräfte. Gelte dagegen ein Sozialplan für das in der Insolvenz befindliche Unternehmen, würde für die Mitarbeiter maximal ein Abfindungsanspruch in Höhe von zweieinhalb Bruttomonatsentgelten entstehen.

          Enormer logistischenr Aufwand

          Horst Gobrecht hält es für problematisch, dass auf dem Wege der Plan-Insolvenz nun genau die Leute weiter ein entscheidendes Wort mitreden wollten, die das Unternehmen überhaupt erst in diese Lage gebracht hätten. „Der Bock wird zum Gärtner gemacht“, sagte er.

          Tatsächlich haben Branchenanalysten schon seit Jahren damit gerechnet, dass die Strategie Schleckers scheitert, möglichst an jeder Straßenecke mit einer Filiale vertreten zu sein. Vor allem aufgrund des enormen logistischen Aufwands und den damit verbundenen Kosten sahen etwa Marktforscher von Tradedimensions in Frankfurt Schwierigkeiten voraus.

          Verkleinerung des Filialnetzes zu langsam

          Vor vier Jahren war beispielsweise das Verhältnis der Schlecker-Filialen und der von dm bei 1:10 - etwa 1000 dm-Dependancen standen zirka 10.000 der blau-weißen Konkurrenz gegenüber. Im Jahr 2009 versuchte Schlecker dann mit der Einführung der XL-Märkte, die größer, heller und freundlicher als bis dahin Schlecker-typisch sein sollten, etwas mehr wie die Konkurrenten dm und Rossmann zu werden. Doch das schlechte Image konnte Schlecker auch damit nicht grundlegend verändern. Zudem hat sich bei den Verbrauchern die Erkenntnis mehr und mehr durchgesetzt, dass Schlecker tatsächlich gar nicht immer der billigste Anbieter ist, nicht selten hat die Konkurrenz die besseren Preise, wie Tests bestätigten.

          Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umstand, dass die Verkleinerung des Filialnetzes zu langsam angegangen wurde, wie es bei Branchenanalysten weiter heißt. So erwirtschaftete Schlecker 2010 in 8665 Filialen gut vier Milliarden Euro Umsatz, dm brauchte für ebenfalls zirka vier Milliarden lediglich 1185 Filialen. Die Rossmann-Kette erwirtschaftete mit 1556 Dependancen 3,38 Milliarden, die Müller-Kette mit 466 immerhin noch 2,26 Milliarden Euro. Auch beim Umsatz je Quadratmeter bildete Schlecker mit 2141 Euro abgeschlagen das Schlusslicht. Spitzenreiter dm schaffte 6285 Euro Umsatz je Quadratmeter, Rossmann 4787 und Müller 3967 Euro.

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