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Design-Rasthütte : Mach mal Pause!

  • -Aktualisiert am

Die Hütte bezieht sich keineswegs auf die Phantasie-Gebilde deutscher Sagen- und Märchenwälder, sondern soll ein Nutzbau sein. Bild: Julien Lanoo

Solide gezimmert, aber seltsam in der Form: Thomas Schüttes Rasthütte auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein steht für Ursprünglichkeit und entgegen jeglicher Beschleunigung.

          Eine Tankstelle, ein Hase, ein Blockhaus – die wenigen Stichwörter genügen, sich eine verrückte Geschichte auszudenken. Etwa die eines Aussteigers, dem dank einer einsam gelegenen Tankstelle und eines dort wundersam bereitstehenden Carsharing-Mobils die Flucht aus dem unerwartet stressigen Alltag zu zweit in eine Holzhütte irgendwo in den Wäldern gelingt. Doch gibt es auch eine wahre Geschichte, und die geht so: Tankstelle, Hase und Blockhaus sind Modelle und Skulpturen des Bildhauers Thomas Schütte, die er einzeln und mit einigem zeitlichen Abstand voneinander schuf.

          Die Tankstelle ist das Plexiglas-Modell „Tanke“, die Hasenfigur aus Bronze berieselt seit 2013 als Springbrunnen-Skulptur den Gartenteich der Fondation Beyeler in Riehen. Und nun, erst seit einigen Tagen, überrascht Thomas Schütte auf dem wenige Kilometer von der Fondation Beyeler entfernten Vitra Campus mit einem sechseckigen Blockhaus – es ist die Vergrößerung eines Modells, das im Maßstab 1:10 vor einigen Jahren in einer Ausstellung in Düsseldorf zu sehen war. Dem emeritierten Vorsitzenden des Vitra-Möbel-Unternehmens, Rolf Fehlbaum, gefiel es so gut, dass er vorschlug, es auf dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein in einer für Menschen tauglichen Größe aufzubauen. Dort bietet es all den markanten Bauten solcher Stararchitekten wie Tadao Ando, Frank Gehry, Herzog & de Meuron, Zaha Hadid, Alvaro Siza nun trotzig seine kleine, hölzerne Stirn.

          Kein Knäusperhäuschen: Kunst als Bau auf dem Vitra Campus. Bilderstrecke

          Solide gezimmert, aber seltsam in der Form, fällt die rustikale Hütte aus dem Rahmen. Unverkennbar spiegelt das schräge Blockhaus ein Bedürfnis nach Ursprünglichkeit. Bodenständigkeit und Archaik verkörpert das Gehäuse mit dem asymmetrisch geformten Dach aus grauen Titanzinkziegeln. So führt es zwischen Buchenhecke und Kirschbaum gegenläufig zum Turbo-Age digitalen Entwerfens und Konstruierens zurück zur Handarbeit. Das aus unbehandeltem Polarkieferholz errichtete Blockhaus verströmt den Duft einer urtümlichen Bauweise, die vergrabene Sinne weckt. Instinktiv befühlen männliche Besucher das rauhe Rundholz, während ihre Begleiterinnen zum Trinkbrunnen der Hütte gehen, um Wasserflaschen aufzufüllen – natürlich nicht an einem schlichten Wasserhahn. Vielmehr strömt das Wasser in der Schütte-Hütte aus dem Hahn eines bezaubernden Trinkbrunnens aus gebranntem Ton und fließt in ein kleines Becken in zartem Orange.

          Entschleunigung hat Grenzen

          Thomas Schütte versteht das Häuschen als Widerpart zu Kunst in Bewegung, wie überhaupt ganz allgemein zur rasend beschleunigten Mobilität von Dingen und Menschen – und damit vielleicht sogar als Gegenstück zum dreißig Meter hohen Rutschturm von Carsten Höller, der ebenfalls auf dem Gelände steht und als „fun art“ alle Altersklassen dazu verführt, im Expresstempo durch die Windungen seiner Röhre zu sausen. Aber so etwas würde Thomas Schütte nie sagen, wie er überhaupt zurückhaltend bleibt bei Erklärungen zu seinem Blockhaus-Werk. Nur so viel: Es bezieht sich keineswegs auf die Phantasie-Gebilde deutscher Sagen- und Märchenwälder, sondern soll ein Nutzbau sein, der jedem offen steht, um eine Pause einzulegen. Tatsächlich kann man sich das Häuschen auch als Rasthütte – mit verrauchter Grillstelle – irgendwo an einem Wanderpfad oder Waldparkplatz im Schwarzwald vorstellen, außerhalb des Kunstkontextes. Dann freilich erwartete man, dass das klare Wasser eines Gebirgsbächleins in den Brunnentrog strömt.

          Der Giebel der Hütte zeigt nach Westen, geradeso wie die Rosettenfenster gotischer Kathedralen. Ob nun die Strahlen der Abendsonne, die sich nur allzu oft über das Rheintal ergießen und den Vitra Campus in mediterranes Licht tauchen, auch das Innere des Häuschens zum Leuchten bringen? Das zu überprüfen fehlt uns weniger die Geduld als die Zeit. Unsere Nachmittagspause geht zu Ende, Entschleunigung hat schließlich Grenzen. Als wir am Parkplatz ankommen, steht da tatsächlich ein Carsharing-Mobil.

          Schöner rasten

          Vitra Schaudepot und Vitra Design Museum sind Teil des Vitra Campus, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, Tel.: 07 62 1 / 70 23 20 0, E-Mail: info@design-museum.de. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr, am 24.12. 10 bis 14 Uhr. Das Kombiticket für Museum und Schaudepot kostet 17 Euro, für den Museumsbesuch allein 11 Euro. Es wird eine zweistündige Architekturführung angeboten. Information im Internet: www.design-museum.de.

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