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Bourbon-Vanille auf La Réunion : Nie wieder künstliches Aroma

  • -Aktualisiert am

Für die Aromabildung ist die Fermentation entscheidend: Die Samenkapseln schrumpfen, werden dunkel, und Enzyme setzen nach und nach die Aromen frei, besonders das Vanillin. Bild: dpa

So eine Schote! Wer einmal Bourbon-Vanille gekostet hat, greift nie wieder zu Vanillin. Über mühsame Arbeit und ausgelassene Feste auf einer Plantage auf Réunion.

          Ein warmer Wind zieht durch den Bambushain. Mittendrin steht ein schmächtiger Mann, die viel zu kleine Anzugjacke spannt über der Brust und zieht die Knopfleiste auseinander. Schuhe trägt er keine. Seine Füße sind breit und kräftig, wie sie sich bei Menschen herausbilden, die ihr Lebtag barfuß gelaufen sind. Das krause Haar ist akkurat gescheitelt, der Blick stechend klar. Es ist der Sklave Edmond Albius. In Bronze gegossen als Denkmal, auf Réunion beliebter und bekannter als die protzigen Statuen von Charles de Gaulle oder Admiral La Bourdonnais, die als Hingucker mit Vorplatz meterhoch in der Hauptstadt Saint-Denis thronen.

          Edmond dagegen steht nicht einmal auf einem Sockel. Er hat weder sein Leben dem Freiheitskampf geopfert noch sonstige Heldentaten vollbracht, sondern als Zwölfjähriger Blüten bestäubt – damit allerdings der Insel einen gewissen Reichtum beschert. Denn es waren nicht irgendwelche Blüten, es waren die der Vanillepflanze. Sie wurde vor zweihundert Jahren aus Mexiko eingeführt, wuchs prächtig, doch wollte einfach keine Schoten tragen. Bienen, die in anderen Vanilleländern die Bestäubung übernehmen, sind auf Réunion zu groß und zu schwer für die zarten Blüten. Und so starben jedes Jahr die Blüten ab, und nichts weiter geschah. Die Plantagenbesitzer waren verzweifelt.

          Edmond entschlüsselte das Geheimnis der fruchtlosen Orchidee und fand heraus, dass die Befruchtung per Hand ganz einfach ist: Mit einem Kaktusstachel zerstörte er das Jungfernhäutchen, das die Selbstbefruchtung verhindert, und drückte mit den Fingern Pollen und Narbe aufeinander. „So machen wir es heute noch“, sagt Nathalie.

          Ernte im tropischen Winter

          Nathalie ist eine der erfolgreichsten Vanillebäuerinnen von Réunion. Wie die meisten Kreolen geht sie nicht nur regelmäßig in die Kirche, um dem Herrn zu danken, sondern pilgert auch zu Edmond, um für eine gute Ernte zu beten. Was ihr angesichts der regelmäßig wiederkehrenden Zyklone durchaus angeraten scheint – heftige Stürme, die mit aller Wucht eben auch durch die Vanilleplantagen fegen und abrupfen und vernichten, was zu vernichten geht. Eigentlich hält sie Denkmäler insgesamt für Humbug, aber mit Edmond sei das etwas anderes. „Es tut gut“, sagt sie, „ihm ab und zu die Ehre zu erweisen.“ Dafür nimmt sie die kleine Pilgerreise gerne auf sich, gut eine Stunde mit dem Auto von Saint-Philippe aus, wo sie wohnt, nach Saint-Suzanne, vom Süden der Insel in den Osten. Zugleich ist es ihre Auszeit zwischen Ernte, Markttag, sich kümmern um die Großfamilie, kochen für ihren Mann Harry, die vier Kinder und Enkelkinder. Sie lacht und steckt Edmond eine immergrüne Liane in die halboffene Hand. Dann verschränkt sie die Arme und lehnt sich mit dem Rücken an das Metall, das in der Mittagshitze kühlt. „Ohne ihn gäbe es keine Bourbon-Vanille, keine echte wohlgemerkt, denn die mit dem intensivsten Aroma kommt nur von hier. Da der Name Bourbon nicht geschützt ist, kann jeder jede Schote so nennen, auch wenn sie von Madagaskar oder den Komoren stammt. Doch unsere Vanille gab es schon, als La Réunion noch Île de Bourbon hieß.“ So lange wird auch die Plantage von Nathalie und Harry bewirtschaftet. Land und auch Wissen, was zu einer guten Ernte gehört, wird von Generation zu Generation weitergegeben.

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