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Eton, Harrow und Co. : Englische Top-Internate sind kein Paradies

  • -Aktualisiert am

Dauerbrenner Schulsystem: Nicht jeder hält die Elite-Schulen für eine lohnende Investition. Bild: Reuters

Adressen auf der Insel gelten als Garanten für eine exzellente Ausbildung des Nachwuchses. Ein Segen für den, der es sich leisten kann? Das schöne Bild hat seine Schattenseiten. Erfahrungen eines betroffenen Vaters.

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          Immer wieder heißt es, wie paradiesisch und in jeder Hinsicht förderlich englische Internate sind. Dazu einige Anmerkungen eines Betroffenen. Nach 21 Jahren in London und als Vater von vier Kindern bin ich auf dem besten Weg, eine siebenstellige Summe in das englische Privatschulsystem zu stecken. Meine Kinder (17 Jahre alte Zwillinge, ein 14 Jahre alter dritter Sohn und eine 12 Jahre alte Tochter) sind auf „Top-Internaten“ (Westminster, Sevenoaks), wobei die drei Ältesten bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr eine der besten „Prep-Schools“ für Jungs in England, nämlich „The Hall“ in London, besuchten. Eton, St. Paul’s und andere haben wir zumindest so gut kennengelernt, dass wir ihnen - nach bestandenem Aufnahmeverfahren - Absagen gesandt haben. Mein Fazit bislang: Es ist bei weitem nicht alles Gold, was glänzt. Mein Rat an Eltern in Deutschland, die erwägen, ihre Kinder auf ein englisches Internat zu schicken und es sich finanziell leisten können: Überlegen Sie es sich noch einmal, ob Sie Ihr Geld, Ihre Zeit und die Zeit Ihrer Kinder nicht für etwas anderes aufwenden wollen.

          Bei jeder Dinner-Party hier in London gibt es nur zwei Dauerbrenner: Hauspreise und Schulen. Inzwischen kann ich eine Tischrunde stundenlang mit zotigen Anekdoten und tragischen Geschichten, aber auch mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema englische Privatschulen unterhalten. Ich meine, mir darüber hinaus aber auch ein Urteil über das englische Privatschulsystem erlauben zu können, weil meine Kinder den Vergleich mit dem deutschen Schulsystem „gelebt“ haben: Die Zwillinge verbrachten ihr vierzehntes Lebensjahr im Ambrosius-Blarer-Gymnasium in Gaienhofen am Bodensee in Baden-Württemberg. Außerdem waren alle vier Kinder wochenweise bei Freunden und Verwandten in Deutschland auf Grundschulen und Gymnasien, zum Beispiel auf dem Canisius-Kolleg in Berlin oder dem Friedrich-Gymnasium in FreiburgHerdern.

          Die große Stärke der englischen Schulen und Schüler ist die Selbstdarstellung. Doch der Eindruck trügt: Selbst auf den englischen Top-Internaten lernen die Kinder nicht mehr als in Deutschland, eher weniger. Der Fremdsprachenunterricht in England - natürlich nicht die erste Sorge deutscher Eltern - ist grotesk schlecht. Den passend betitelten Bestseller „Chagrin d’Ecole“ von Daniel Pennac, welchen ich dem Französisch-Lehrer meines Sohns als Inspiration auslieh, gab er bald zurück, weil er kein französisches Buch lesen konnte. Später wurde er Direktor. Mathematik ist in beiden Ländern auf ähnlichem Niveau, die Naturwissenschaften in Deutschland besser, zumindest in der achten Klasse in Gaienhofen. Zu anderen Fächern (Erdkunde, Geschichte) will ich wegen mangelnder Vergleichbarkeit keine Aussage machen, außer dass ich die Schlachten von Hastings und Agincourt dreimal in qualvoller Zeitlupe mitgekämpft habe und dass mein Wissensdurst zum Thema „Hereward the Wake“ schon lange erschöpft ist.

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