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Absturz in Kolumbien : „Totalausfall, kein Treibstoff“

Rettungskräfte am Absturzort in Medellin in Kolumbien Bild: AP

Aufnahmen der letzten Minuten an Bord des in Kolumbien verunglückten Flugzeugs geben Aufschluss über die Absturzursache. Es ist das Dokument einer Tragödie mit Ansage.

          3 Min.

          Das Charterflugzeug mit der brasilianischen Fußballmannschaft Chapecoense an Bord ist wegen Treibstoffmangels abgestürzt. Das teilte die kolumbianische Luftfahrtbehörde auf der Grundlage vorläufiger Untersuchungen am Unglücksort nahe der nordwestkolumbianischen Stadt Medellín mit. Kolumbianische und brasilianische Medien hatten zuvor einen zwölf Minuten langen Mitschnitt des Funkverkehrs zwischen dem Kontrollturm des Flughafens von Medellín und dem Piloten des Unglücksflugzeugs sowie mit Piloten anderer Flugzeuge im Landeanflug. Kurz vor dem Abbruch des Funkaustauschs mit dem Unglücksflugzeug ist dessen Pilot Miguel Quiroga mit dem Ausruf zu hören: „Flug Lamia 2933 hat Totalversagen, totales elektronisches Versagen, kein Treibstoff.“

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Fachleute hatten schon unmittelbar nach dem Absturz Treibstoffmangel als wesentliche Unglücksursache vermutet, weil das beim Aufprall auf einen Berg östlich von Medellín in drei Teile zerbrochene Flugzeug nicht explodiert war. Bei dem Unglück kamen 19 Spieler des brasilianischen Fußballklubs AF Chapecoense sowie Begleiter und Betreuer des Vereins ums Leben, außerdem 20 mitreisende Journalisten und acht der neun Besatzungsmitglieder.

          Nach Medienberichten hatte das vierstrahlige Flugzeug vom Typ Avro RJ85 eine Reichweite von 2600 Kilometern. Das Flugzeug war in der rund 2450 Kilometer Luftlinie entfernten Stadt Santa Cruz im Südosten Boliviens gestartet. Bolivianische Medien berichteten unter Berufung auf einen Vertreter der Fluggesellschaft Lamia, das Flugzeug hätte in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá zwischenlanden und tanken sollen. Der Pilot sei aber der Meinung gewesen, dass der Treibstoff ausreiche. Kurz vor Beginn des Landeanflugs in Medellín wurde das Charterflugzeug angewiesen, Warteschleifen zu fliegen, weil ein Linienflugzeug einer kolumbianischen Fluggesellschaft auf dem Weg von Bogotá nach Panama-Stadt wegen technischer Probleme die bevorzugte Landeerlaubnis zu einer nicht geplanten Zwischenlandung in Medellín erhalten hatte.

          Die Funksprüche des Piloten werden dringlicher

          Von dieser Landung ist auch in dem jetzt veröffentlichten Funkverkehr die Rede, zu dessen Beginn noch nichts auf eine Katastrophe hindeutet. Später ist der Pilot mit der Forderung zu hören: „Wir brauchen Priorität bei der Landung, uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt.“ Dann ist auch von Problemen mit der Elektronik die Rede. Die Funksprüche des Piloten werden dringlicher. Das Flugzeug verliert an Höhe, fliegt in der Nähe des Berges El Gordo nur noch knapp 2800 Meter hoch, obwohl dieser in mindestens 3000 Metern Höhe überflogen werden müsste.

          Nach dem Notruf, dass kein Treibstoff mehr vorhanden und die Elektronik ausgefallen sei, sagt die Fluglotsin: „Freie Piste, Regen auf der Oberfläche, Lamia 2933, die Feuerwehr ist alarmiert.“ Dann versuchen der Pilot und die Fluglotsin, das Flugzeug durch Höhen- und Entfernungsangaben des Radars vom Flughafen die verbleibenden gut 15 Flugkilometer bis zur Landebahn zu manövrieren. Die letzte Höhenangabe des Piloten lautet 9000 Fuß (2740 Meter). Auf die verzweifelten Fragen der Fluglotsin „Welche Höhe jetzt?“ und „Welche Position Lamia 2933?“ kommt aus dem Cockpit keine Antwort mehr.

          Nach Flugzeugabsturz : Trauer um Fußballteam vereint Brasilien und Kolumbien

          Später können Rettungskräfte auf dem Berg El Gordo nur sechs Menschen schwer verletzt bergen, drei Fußballspieler, einen Journalisten, einen Techniker der Fluggesellschaft und eine Flugbegleiterin. Diese berichtet später, dass das Licht in dem Flugzeug rund eine Minute vor dem Absturz ausgefallen sei.

          Letztes Heimspiel soll nicht abgesagt werden

          Unterdessen bereitete sich die Stadt Chapecó im Bundesstaat Santa Catarina im Süden Brasiliens auf die Überführung der Toten vor. Am Mittwochabend fand im vollbesetzten Stadion des Vereins eine Gedenkfeier für die getöteten Spieler, Betreuer und Journalisten statt. Die Stadt mit rund 210.000 Einwohnern befindet sich seit der Nachricht von dem Unglück in einer Art Trauerschock. Der Klub plant für dieses Wochenende eine Trauerfeier für die Opfer des Unglücks, zu der bis zu 100 000 Menschen erwartet werden. Am Donnerstag war noch nicht klar, ob die Särge auf dem Rasen des Stadions aufgebahrt werden und ob alle Leichname bis zum Wochenende identifiziert und übergeführt werden können. Die brasilianische Luftwaffe wird die sterblichen Überreste der brasilianischen Unglücksopfer nach Chapecó überführen.

          Der Präsident des brasilianischen Fußballverbands, Marco Polo Del Nero, sprach sich dafür aus, das letzte Heimspiel des AF Chapecoense in der zu Ende gehenden Saison der ersten brasilianischen Liga gegen Atlético Mineiro nicht abzusagen. Der Verein solle die überlebenden Spieler, die nicht im Aufgebot für das für Mittwoch angesetzte erste Endspiel der Copa Sudamericana gegen Nacional Medellín gewesen waren, sowie Jugendspieler einsetzen. Der letzte Spieltag der brasilianischen Serie A war wegen des Unglücks vom 4. auf den 11. Dezember verlegt worden.

          Der kolumbianische Verein Nacional Medellín hat vorgeschlagen, der südamerikanische Fußballverband Conmebol möge den von der Flugzeugkatastrophe getroffenen Endspielteilnehmer aus Brasilien zum Sieger der diesjährigen Copa Sudamericana erklären.

          Treibstoffmangel gibt Rätsel auf

          Ein Flugzeug stürzt ab, weil es nicht genug getankt hatte. Wie kann so etwas passieren? „Eigentlich gar nicht“, sagte Michael Strohal vom Institut für Flugsysteme an der Universität der Bundeswehr München am Donnerstag. „Jeder Pilot ist natürlich angewiesen, den Flug durchzuplanen, der startet nur, wenn er genug Sprit hat.“ Nach den geltenden internationalen Richtlinien schließe das eine Reserveplanung ein: Die Treibstoffplanung müsse demnach nicht nur für den Zielflugplatz ausreichen, sondern auch, falls der gesperrt sein sollte, für einen Ausweichflugplatz. Es gebe zudem eine Läuterzeit, die darin berücksichtigt werde. Das bedeutet, dass die Piloten einplanen, gegebenenfalls Warteschleifen fliegen zu müssen. Es werde deshalb auf Reserve getankt, mindestens für eine halbe Stunde zusätzliche Flugzeit. Die Verantwortung für die Treibstoffplanung liege allein in der Hand des Piloten und Copiloten, die sich gegenseitig kontrollierten. Darüber hinaus gebe es keinen Automatismus, der sie am Fliegen hindert, wenn der Sprit nicht für das reicht, was im Flight-Management-System eingegeben ist. Die Piloten müssten sich außerdem mit den Bodenstellen koordinieren. „So etwas kann eigentlich nur passieren, wenn der Pilot nicht das fliegt, was er ursprünglich geplant hat, oder eben keine Flugvorbereitung gemacht hat“, sagte der Luftfahrtexperte. Strohal geht davon aus, dass bei dem Absturz in Kolumbien auch Fehler im Cockpit passiert sein müssen, denn selbst im Falle eines Systemausfalls gebe es Sicherungsmechanismen, die einen Absturz aufgrund von Treibstoffmangel normalerweise verhinderten. (hbt.)

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