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Zum Tode Oleg Popows : Stets auf der Suche nach dem großen Glück

Markenzeichen rote Nase: Oleg Popow im Jahr 2007 in Frankfurt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Oleg Popow, der berühmteste Clown der Welt, ist am Mittwoch in seiner russischen Heimat gestorben. Begraben werden soll er in Franken. Auf Russland war er nicht mehr gut zu sprechen.

          Diesen Mann haben die Zuschauer allein an seinem Schatten erkannt. Fiel er in die Manege, wussten die Zirkusfreunde: Jetzt kommt Popow. Der in der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Grock und Charlie Rivel wohl berühmteste Clown der Welt wird nie mehr seine rote Nase aufsetzen. Oleg Konstantinowitsch Popow ist am Mittwochabend in der südrussischen Stadt Rostow im Alter von 86 Jahren an Herzversagen gestorben. Im Dienst sozusagen. Denn der Clown war gerade auf Tournee.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Montag soll es in Rostow eine Trauerfeier für die Zirkuslegende geben. „Da Oleg Popow quasi in der Manege des Rostower Zirkus gestorben ist, wurde entschieden, den Abschied hier zu organisieren“, sagte Oleg Tschesnokow, der Produzent von Popows Show in Russland. Begraben soll der Jahrhundert-Clown aber nicht in russischer Erde werden, sondern in deutscher. Seit 1991 lebte Popow in Deutschland, ein Bauernhof in Egloffstein in Franken, wo er mit seiner deutschen Frau Gabriele Lehmann wohnte, war ihm zur zweiten Heimat geworden.

          Das lustige Aushängeschild der Sowjetunion

          Dabei ist der Mann aus dem Dorf Wirubowo bei Moskau einst das lustige Aushängeschild der Sowjetunion gewesen, der Oberclown des Sozialismus. Freilich sind schon die Sowjetbürger selten in schallendes Gelächter ausgebrochen, sondern haben eher melancholisch gelächelt und eine Träne weggewischt, wenn dieser Komödiant in seinen Reprisen das ewige Streben der Menschen nach einem kleinen Glück thematisierte.

          Der Legende zufolge hat Popow als Setzer in der großen Zeitung „Prawda“ 1944 bei einem Betriebsfest einen kleinen artistischen Auftritt hingelegt und ist daraufhin sofort in die staatliche Zirkusschule aufgenommen worden. Seine Weltkarriere begann 1955 bei einem Gastspiel des Moskauer Staatszirkus in Brüssel, als er für den erkrankten Clown Karandasch einsprang und vom Publikum gefeiert wurde.

          Rote Nasen immer selbst von Hand hergestellt

          Die rote Nase ist neben seiner karierten Sportmütze, seinen gestreiften Hosen, seinen roten Socken und den spitzen Schuhen sein Markenzeichen gewesen. „Viele, sehr viele“ rote Nasen habe er in seiner langen Karriere verbraucht, hat Popow einmal gesagt. Er hat sie nie im Geschäft für Artistenbedarf gekauft, sondern immer selbst von Hand hergestellt. Diese Sitte hat er auch in Deutschland beibehalten, wohin er nach dem Ende des Kommunismus emigriert ist.

          Rote Nase, rote Fliege: Zirkusartist Oleg Popow ist gestorben.

          Das nun marode Vaterland der Werktätigen, das er ein halbes Leben lang gut unterhalten hatte, wollte seinen besten Clown mit 400 Rubeln im Monat abspeisen. Davon wollte und konnte Popow nicht leben. Zu seinem 70. Geburtstag schickte ihm Putin, der damalige Ministerpräsident Russlands, eine Postkarte. „Der soll mir eine Präsidentenrente geben, dann käme ich vielleicht zurück“, lautete Popows wütende Antwort.

          Er baute sich im Westen eine zweite Karriere auf

          Aus dieser erhofften Präsidentenrente ist nie etwas geworden. Popow hat sie auch gar nicht nötig gehabt. Er baute sich im Westen eine zweite Karriere auf und war bis ins hohe Alter ein gefragter Zirkuskünstler. Sein Repertoire umfasste 200 Reprisen, kurze, kleine Geschichten mit einer akrobatischen Einlage oder einem Trick. Popow hat sie alle selbst erfunden.

          In seiner berühmtesten Nummer, „Das Licht“, versuchte er Sonnenstrahlen einzufangen. Ein Scheinwerfer warf sie in die Manege, der Mann mit der roten Nase wärmte sich an ihnen, doch sie verflüchtigten sich immer wieder. Popow musste ihnen dauernd nachrennen. Bis er die Strahlen endlich in seinem Picknickkorb einfing. Dieses Bild vom ewigen Rennen nach dem Glück haben die Sowjetbürger genauso verstanden und geliebt wie die Bewohner der kapitalistischen Welt. Der große Clown, der 1981 beim Zirkusfestival in Monte Carlo aus der Hand von Fürstin Gracia Patrizia den Goldenen Clown empfing, den „Oscar der Zirkuswelt“, wollte auch im Rentenalter partout nicht die Manege verlassen. „Wenn ich mich zur Ruhe setze, ist das Leben doch vorbei“, sagte er. Nun wird er gewiss in der himmlischen Manege den lieben Gott zum Lachen bringen.

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