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U-Bahn-Pläne für Belgrad : Mit der Metro in die Osmanenzeit

Die U-Bahn-Station „Vukov Spomenik“ in Belgrad am 08.07.2021. Die Station ist die einzige U-Bahn-Station in Belgrad. Bild: Frank Röth

Belgrad ist Europas größte Stadt ohne U-Bahn. Jetzt soll der Bau von zwei Linien beginnen – allerdings ohne den Hauptbahnhof als Haltestelle.

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          Belgrad hat einige schöne Viertel und Straßenzüge, aber eine Perle der Städtebaukunst ist es nicht. Serbiens Hauptstadt ist oft laut, hektisch, anstrengend. In ihrem Einzugsbereich leben mehr als zwei Millionen Menschen, aber mitunter scheint es, die Stadt produziere Lärm für vier Millionen. Ein Grund dafür sind die vielen Staus. Die bilden sich auch deshalb, weil Belgrad die größte Stadt Europas ohne Metro ist. Wer hier von A nach B will oder muss, hat nur oberirdische Optionen, und die sind oft heillos verstopft. In Westeuropa hat nur eine weitere Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern, Birmingham, ebenfalls keine U-Bahn. Sonst gibt es das nur in Osteuropa: Odessa, Rostow, Ufa, Woronesch, Perm und Wolgograd sind ebenfalls Millionenstädte ohne öffentlich befahrbaren Untergrund.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die einstige Hauptstadt Jugoslawiens soll in einigen Jahren nicht mehr zu den Städten ohne doppelten Boden gehören. Im November soll der Bau der städtischen U-Bahn beginnen: Zwei Linien, 42 Haltestellen, Baukosten 4,6 Milliarden Euro. Für eine geplante dritte Linie fehlt noch die Finanzierung. Ein Großteil des Auftrags ging, wie zuletzt viele Infrastrukturprojekte in Serbien, etwa Autobahnen, Brücken, Kläranlagen oder Bahnstrecken, nach China: Die „Power Construction Corporation“ aus Peking ist der wichtigste Auftragnehmer. Als kleinere Partner sind die französischen Konzerne Alstom und Egis beteiligt, die knapp ein Drittel des Auftragsvolumens übernehmen sollen.

          Der Zeitplan ist ehrgeizig

          Linie eins soll 2028, die zweite 2030 fertig sein. Angesichts der Geschichte der einstigen römischen Siedlung Singidunum ist der Zeitplan allerdings ehrgeizig – archäologische Funde könnten für erhebliche Verzögerungen sorgen. In Saloniki, wo seit mehr als 15 Jahren an der Metro gebaut wird, kann man ein Lied davon singen: Alle paar Meter hält die reiche Geschichte der gut 2300 Jahre alten Stadt die Bauarbeiten auf. Ähnliches ist aus Istanbul bekannt. Recep Tayyip Erdoğan schimpfte vor Jahren in einem seiner Wutanfälle einmal auf Archäologen, die den Bau angeblich unnötig aufhielten: „Erst war da archäologisches Zeug, dann Töpfe und Pfannen, dann dies, dann das. Ist irgendetwas von diesem Zeug wichtiger als Menschen?“

          Bild: Belgrad Metro/F.A.Z.-Karte sie.

          Auch in Belgrads Erdreich herrscht an antikem dies und das vermutlich kein Mangel, zumal die U-Bahn gewissermaßen die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich verbinden wird: Eine der Linien wird in dem Belgrader Außenbezirk Zemun beginnen, das bis 1918 zum Habsburgerreich gehörte und auf Deutsch Semlin hieß. Semlin, einst die letzte Eisenbahnstation der Doppelmonarchie, soll künftig die erste Station der Linie zwei der Belgrader Metro sein. Von dort verläuft die Trasse Richtung Save, dem einstigen Grenzfluss zwischen dem Reich des Kaisers und des Sultans, dann weiter in die Innenstadt. Satt bisher 70 werde eine Fahrt von den südwestlichen in die nordöstlichen Außenbezirke Belgrads mit der Metro nur noch etwa 25 Minuten dauern, kündigte der stellvertretende Belgrader Bürgermeister Goran Vesić, der das Metroprojekt koordiniert, unlängst optimistisch an.

          Viele Belgraderinnen und Belgrader mögen das freilich noch nicht recht glauben. Kein Wunder, denn schon seit einem Jahrhundert wird in Belgrad folgenlos über den Bau einer Metro fantasiert. Schon ein Generalplan von 1923 sah eine U-Bahn vor, aber nach dem Ersten Weltkrieg fehlte der Stadt das Geld. Die Kommunisten griffen die Idee nach 1945 wieder auf, doch auch in den fünfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahren verschwanden alle Pläne wieder in den Schubladen.

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