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Deutsche Oscar-Gewinnerin : Ausverkauf eines vergessenen Hollywood-Stars

Die 100 schon überschritten: Luise Rainer im Herbst 2011 in Berlin Bild: dpa

Ende der Dreißiger gewann Luise Rainer zwei Oscars, danach wurde es jedoch ruhig um die deutsche Schauspielerin. Vor einem Jahr starb sie im Alter von 104 Jahren. Nun wird ihr gesamter Besitz versteigert.

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          Es war einer ihrer letzten Auftritte in Hollywood: Luise Rainer trug ein elfenbeinfarbenes Crêpe-Georgette-Seidenkleid und einen dazu passenden Seidenschal, mit dem sie ausgelassen über den roten Teppich tanzte. Die zarte alte Dame, die sich keck einen eng anliegenden goldfarbenen Hut aufgesetzt hatte, wie ihn Frauen in den späten Zwanzigern getragen hatten, schien völlig aus der Zeit gefallen. Es war die 70.Oscar-Verleihung, zu der eine der ältesten Preisträgerinnen eingeladen worden war. Im Mittelpunkt des Interesses standen im Jahr von Filmen wie „Titanic“ und „Besser geht’s nicht“ vor allem Robin Williams und Jack Nicholson, Kim Basinger und Helen Hunt. Kaum jemand wusste, wer das fröhliche Persönchen war, das 1998 zu den Ehrengästen des Abends gehörte.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mehr als 60 Oscar-Verleihungen zuvor hatte die gebürtige Düsseldorferin Stars wie Carole Lombard, Norma Shearer und überhaupt allen in Hollywood die Schau gestohlen und war 1937 als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle als Anna Held in „Der große Ziegfeld“ ausgezeichnet worden. Nur ein Jahr später setzte sich Luise Rainer ein zweites Mal und sogar gegen Greta Garbo und Barbara Stanwyck durch und bekam den Oscar für ihre Hauptrolle als O-Lan Lung im Film „Die gute Erde“.

          Oscar-prämiert: Luise Rainer im Jahr 1936 in „Der große Ziegfeld“ Bilderstrecke

          Luise Rainer, Jahrgang 1910, hat viele Rekorde aufgestellt: zwei Oscars hintereinander, das schaffte erst Katharine Hepburn in den späten Sechzigern wieder. Bis heute ist die Rainer die einzige deutsche Schauspielerin, die überhaupt einen Oscar gewonnen hat. Und natürlich war sie auch bis zu ihrem Tod am 30.Dezember 2014 nur wenige Tage vor ihrem 105. Geburtstag die älteste lebende Preisträgerin. Dass sie schon 1938 Hollywood wieder den Rücken kehrte, einem Ort, an dem sie, wie sie später sagte, in drei Jahren kein einziges geistreiches Gespräch geführt hatte, und dass sie als gefeierte Schauspielerin in ihrem langen Leben gerade einmal 15 Filme drehte – auch das ist rekordverdächtig.

          Luise Rainer war Kunstsammlerin

          Luise Rainer, die mit 16 bei Max Reinhardt die Schauspielerei erlernt hatte und mit 25 von Metro-Goldwyn-Mayer nach Hollywood geholt und als „neue Garbo“ gefeiert worden war, führte kein besonders öffentliches Leben. Mit ihrem Mann, dem Verleger Robert Knittel, dem Sohn des Schweizer Schriftstellers John Knittel („Via Mala“), war sie bis zu seinem Tod 1989 fast 45 Jahre lang glücklich verheiratet. Mit ihm und der Tochter Francesca lebte sie lange in der Schweiz. Nach Knittels Tod zog sie 1992 nach London ins feine Viertel Belgravia in ein Haus, in dem schon Vivien Leigh einst gewohnt hatte.

          Dort empfing sie bis zuletzt gern Gäste, um als eine der Letzten aus der goldenen Ära Hollywoods über die vermeintliche Traumfabrik Auskunft zu geben. Sie freute sich über die vielen Ehrungen, die ihr bis zuletzt zuteil wurden. 2011 reiste sie eigens noch nach Berlin, wo ihr nachträglich auf dem Boulevard der Stars ein Stern verliehen wurde. Bei der eigentlichen Vergabe der Sterne im Jahr 2010 hatte niemand an die zweifache Oscar-Gewinnerin gedacht, hatte die Jury um Senta Berger und Dieter Kosslick sie schlichtweg vergessen.

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          Ein dreiviertel Jahr nach Luise Rainers Tod wird der einstige Star nun noch einmal sehr lebendig. Die Tochter Francesca Bowyer lässt fast den gesamten Besitz ihrer Mutter am 1. Oktober beim Auktionshaus Julien’s in Beverly Hills versteigern. Geschirr und Besteck, Leuchten und Möbel, Schmuck und Kleider, Skulpturen, Ikonen und Gemälde: Luise Rainer war eine Sammlerin. Besonders die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts liebte sie. Doch auch einige zeitgenössische und besonders wertvolle Werke werden angeboten wie das Gemälde „Olivenhain“ von Reuven Rubin (Schätzpreis 30.000 bis 40.000 Dollar), und eine Bronze („Knieende“) von Georg Kolbe (30.000 bis 40.000 Dollar). Zudem eine ganze Reihe eigener Arbeiten der begeisterten Zeichnerin und Malerin Luise Rainer.

          604 Lose werden aufgerufen, doch meist verbergen sich hinter den einzelnen Losen gleich mehrere Artikel. So wie bei Los 414 (300 bis 500 Dollar): Es sind 25 Fotografien, die Luise Rainer mit Albert Einstein bei einer Bootsfahrt in den späten dreißiger Jahren zeigt, bei der die beiden sich offenbar so nahe kamen, dass der erste Ehemann des damaligen Hollywood-Stars, der amerikanische Dramatiker Clifford Odets, rasend eifersüchtig wurde. Auch Bildersammlungen aus ihren Filmen – unter anderen an der Seite von Spencer Tracy in „Big City“ (100 bis 200 Dollar) – werden versteigert, genauso wie zum Beispiel das schwarze Samt-Cape (400 bis 600 Dollar), das sie bei der Oscar-Verleihung 1938 trug.

          Ihre beiden Goldjungen stehen allerdings nicht zum Verkauf, zumindest nicht bei der Auktion. Sollte sich Francesca Bowyer entschließen, die Oscars ihrer Mutter hergeben zu wollen, müsste sie nach den Regularien die Statuen der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences zurückgeben – für den symbolischen Preis von je einem Dollar. Ihr Kleid aber, mit dem sie 1998 noch einmal zu den Oscars und über den Teppich zur Verleihung kam, ist zu haben. Der Schätzpreis für die Abendrobe aus den dreißiger Jahren liegt bei 300 bis 500 Dollar, es beginnt bei 150.

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