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Die letzten Kirmesboxer : Kommen Sie! Schlagen Sie!

  • -Aktualisiert am

Wer will gegen die schon antreten? Irgendeiner findet sich doch, obwohl das Geschäft für Kirmesboxer kein einfaches ist. Bild: Edgar Schoepal

Charley Schultz besitzt eine von nur noch zwei Boxbuden in ganz Deutschland. Der Ex-Profi muss gegen Achterbahnen anreden - und gegen die moderne Welt. Denn warum sollten Leute heute noch einen Kirmesboxer sehen wollen?

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          Ein Opfer muss her. Ein Freiwilliger. Bloß nicht der Typ, der seit zehn Minuten von einem Bein aufs andere wackelt und die Fäuste schwingt. Betrunkene machen bloß Ärger. Karl-Heinz Schultz, den alle nur Charly nennen, steht auf der Bühne, ein sonnenrotes Gesicht unter schwarzem Bandana, und späht sieben Treppenstufen hinunter ins Publikum. Über ihm blinken LED-Lichter, hinter ihm trennt der schwarzrote Vorhang die Bühne vom Zelt mit dem Ring. Ganz vorne in der Menge steht ein Mann in den Vierzigern, mit Brille. Charly greift sich das Mikro, das mit einem Spucktuch umwickelt ist: „Was ist mit Ihnen? Boxen? Trauen Sie es sich zu?“ „Nein“, sagt der Mann mit Brille. „Sehe ich auch so“, sagt Charly.

          Man hat es nicht leicht als Besitzer einer Boxbude. Früher standen die Buden auf fast jedem Jahrmarkt, damals, als harte Männer tagsüber an großen Maschinen arbeiteten, sich nachmittags betranken und abends auf der Kirmes einander ins Bett prügelten. Heute gibt es noch genau zwei Boxbuden in Deutschland, Schultz’ „Fight Club“ und „Live Boxen“ von Johann Heinen. Längst dominieren Achterbahnen eine Kirmes, die Standpreise ziehen mächtig an, Gemeinden haben Angst vor Schlägereien auf Volksfesten, Männer machen Yoga - und überhaupt haben Menschen, wenn sie sich amüsieren wollen, ein paar Alternativen zum Jahrmarkt. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Charly.

          Amateurboxer riskieren Sperre

          Düsseldorf, Rheinkirmes, am Eröffnungstag kurz nach acht. Zwischen Jahrmarkt-Café, Alpina-Bahn und Südtiroler Knödelstube hat sich eine Menschentraube vor dem „Fight Club“ von Charly Schultz versammelt. Neben Charly arbeiten sechs Boxer am Punchingball und schlagen Geraden in die Luft. Sie alle tragen Künstlernamen, denn Kirmesboxen gilt als anrüchig. Die Boxverbände verbieten, dass Amateurboxer fürs Kämpfen bezahlt werden; wird einer auf der Kirmes erwischt, droht ihm ein Jahr Turniersperre. Den Profiboxern dagegen ist der Jahrmarkt einfach zu unfein.

          Insofern haftet den sechs Figuren auf der Bühne etwas Tragisches an. Die sechs, das sind John aus Liverpool und Jean aus Frankreich, Jungs mit Bandana, Undercut und, nun ja, Schlägergesichtern. Im Mittelgewicht Ryan aus New Mexico, der zwischendurch auch mal „Mario Martini aus Rom“ genannt wird, und Marcel, der Luxemburger mit einer langen Narbe auf der Stirn. Auf der linken Bühnenecke arbeitet Tom Johnson am Punchingball, ein Mann mit der Ruhe eines Profis und dem Kinn von John Travolta. Der Hauptgewinn, mit weit mehr als 100 Kilo, heißt Waldemar und kommt aus Warschau, was sogar stimmen könnte - fast alle Kirmesboxer kommen heute aus Osteuropa. Auf seinem rechten Unterarm, wo eine Menge Platz ist, hat Waldemar den Kopf einer weiblichen Mumie tätowiert.

          Charly rekrutiert Herausforderer aus dem Publikum - „Parade machen“ nennt man das.

          Wenn Charly „Parade macht“, wie Schausteller es nennen, wenn einer Publikum rekrutiert, dann läuft ein gut geschmiertes Getriebe an. Die ganze Prozedur beginnt damit, ein paar Leute freundlich anzumachen: „Was ist mit Ihnen? Sie haben schon gekämpft, das sehe ich an der Nase. Entweder hat der Mann hier viele Kämpfe ausgetragen, oder er ist gegen einen Omnibus gelaufen.“ Wenn Charly Besucher wirbt, dann klingt das nicht wie diese typischen Achterbahnsprüche, die heute ohnehin meistens vom Band kommen, von wegen „Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt“. Charly betont die Sätze wie kein anderer.

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