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Hilfe für Entwicklungsländer : Künstliche Gliedmaßen aus dem 3D-Drucker

Neue Beine dank 3D-Drucker: Justine werden Prothesen angepasst Bild: Foto CBM Kanada

In Ländern wie Uganda wollen Wissenschaftler körperlich Behinderte künftig schneller und kostengünstiger mit Prothesen versorgen. Zumindest teilweise sollen diese bald aus dem Drucker kommen.

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          Justine musste fast ihr ganzes, noch nicht allzu langes Leben ohne Beine auskommen. Sie hatte sie kurz nach der Geburt durch eine Infektion verloren. Nur zwei Stümpfe blieben übrig, nachdem die Ärzte ihr die beiden Schenkel oberhalb des Knies amputiert hatten. „Für uns ist es ganz normal, auf zwei Beinen durchs Leben zu gehen“, sagt Matt Ratto. „Aber Zehntausende Menschen in Entwicklungsländern müssen ohne Arme und Beine zurechtkommen.“ Ratto, Informatikprofessor an der Universität von Toronto, will behinderten Menschen wie Justine mit einer einfachen Technologie helfen: 3D-Druckern.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wie viele Menschen es mit Behinderungen in unterentwickelten Ländern wie Uganda gibt, lässt sich schwer schätzen. Allerdings geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass 70 Prozent aller körperlich Behinderten nicht in Industrienationen leben und damit auch nicht angemessen versorgt sind. Allein 40.000 zusätzliche Orthopädietechniker wären nach WHO-Angaben in Entwicklungsländern nötig, um all jenen Menschen Prothesen anzupassen, die ihre Extremitäten durch Kriegshandlungen oder Krankheiten verloren haben.

          Ratto hat sich mit der kanadischen Hilfsorganisation Christian Blind Mission und dem 3D-Software-Entwickler Autodesk zusammengeschlossen und erste Prototypen eines Schafts entwickelt, der einfach ausgedruckt werden kann. Gerade auf den Schaft kommt es an, er muss den Amputationsstumpf des Patienten fest und schmerzfrei umschließen. Daher muss er jeweils individuell angepasst werden. Der Rest der Prothese wird nur noch übergestülpt und befestigt. Seit dem Frühjahr schon werden in einem Krankenhaus in Uganda die Stümpfe von Beinamputierten wie Justine gescannt, was fünf Minuten dauert.

          „In der Theorie kann man alles ausdrucken“

          Die Informationen werden in einen 3D-Drucker eingegeben, der das Ansatzstück für die Prothese in sieben bis zehn Stunden ausdruckt. „Das Ganze dauert nicht einmal einen Tag“, sagt Ryan Schmidt von Autodesk. „Ein Orthopädietechniker vom Roten Kreuz in Uganda benötigt hingegen ungefähr eine Woche.“ Mehr als 200 individuell angepasste Prothesenschäfte könne ein solcher Spezialist im Jahr nicht herstellen. „Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres bereits mit herkömmlichen 3D-Druckern, die gerade einmal 1.500 bis 2.000 Euro kosten, Tausende von Schäften in wenigen Monaten ausdrucken können.“

          Ein Prototyp: Matt Ratto zeigt einen Prothesenschaft aus dem Drucker
          Ein Prototyp: Matt Ratto zeigt einen Prothesenschaft aus dem Drucker : Bild: Foto privat

          Gerade die Zeit spielt eine große Rolle, wie Ratto und seine Mitarbeiter festgestellt haben. „Viele der körperlich versehrten Menschen in Uganda leben weit weg von den Krankenhäusern.“ Die Anreise allein sei schon beschwerlich und auch teuer für sie. „Darum ist es wichtig“, sagt Ratto, „dass sie nicht länger als 24 Stunden auf ihre neue Prothese warten müssen. Ihnen fehlt das Geld, mehrere Tage in der Klinik darauf zu warten.“

          Der Kanadier hofft, schon bald auch erste Prototypen für Prothesenschäfte entwickeln zu können, die Armamputierten zugute kämen. Man lerne jeden Tag dazu, auch dass sich die Situation der körperlich behinderten Menschen in Uganda nicht so einfach mit dem Rest der Welt vergleichen lasse. Noch bereitet die 3D-Technologie den Kanadiern einiges Kopfzerbrechen. „In der Theorie“, sagt Ryan Schmidt, „kann man alles ausdrucken – vom Hemdknopf bis zum Panzer.“ In der Praxis aber sei es dann doch nicht so einfach. Trotzdem ist er zuversichtlich, dass in einigen Monaten Justine und ihre Leidensgenossen auf Prothesen wieder laufen werden können, die zumindest zum Teil aus einem 3D-Drucker stammen.

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