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#Wirsindunbequem : Klatschen und Stollen reichen nicht

Leisten viel, erhalten oft wenig Anerkennung: Pflegerinnen und Pfleger. Bild: dpa

Auf Twitter machen Pflegerinnen und Pfleger unter dem Hashtag #Wirsindunbequem ihrem Unmut über ihre Arbeitssituation Luft. Sie fordern Arbeitsbedingungen, die in anderen Branchen ganz selbstverständlich sind.

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          Es sind Dinge, die in anderen Branchen ganz selbstverständlich sind: Arbeits- und Pausenzeiten einhalten, die Möglichkeit einer langfristigen Urlaubsplanung, nicht dauernd einspringen müssen, weil der Dienstplan auf Kante genäht ist und nicht arbeiten gehen müssen, wenn man krank ist.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Genau das fordern derzeit zahlreiche Pflegekräfte auf Twitter unter dem Hashtag „#Wirsindunbequem“. Unbequem deshalb, weil einige berichten, mit ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen bei ihren Arbeitgebern auf wenig Gegenliebe zu stoßen und oftmals nur noch mehr unter Druck gesetzt zu werden.

          „Wir brauchen keinen Applaus, Lavendel oder Stollen“, schreibt etwa die Nutzerin Gloria. „Wir brauchen ENTLASTUNG.“ Eine andere Nutzerin schreibt: „Wer für Arbeitsschutz eintritt, ist nicht egoistisch“. Immer wieder werden eine hohe physische und psychische Belastung thematisiert, aber auch der Schutz und die angemessene Behandlung der Patienten, die aus Sicht vieler unter den derzeitigen Bedingungen kaum gewährleistet werden können.

          Ausgang der Debatte war ein Post der Nutzerin Kathrin Hüster, die als „Schwester Unbequem“ über ihre Tätigkeit als Intensivpflegerin twittert und bloggt. Am Dienstag schrieb sie in ihrem Ausgangstweet: „Ich setze mich seit Jahren für die Pflege ein. Für bessere Bedingungen, für ein besseres Ansehen, für mehr Akzeptanz, für mehr Sichtbarkeit, für mehr Wertschätzung. (...) Ich benenne Missstände und zeige, dass es so nicht weitergeht.“ Obwohl sie nie einen Arbeitgeber beleidigt habe, stehe sie aber deshalb vor zunehmenden Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden: „Und so bricht hier gerade alles zusammen.“

          Der Thread wurde mehr als 500 mal geteilt, die Nutzerin „Vollzeit-Tante“, die ebenfalls in der Pflege tätig ist, initiierte schließlich den Hashtag, den zahlreiche Pflegekräfte aufgriffen. Auch SPD-Ko-Vorsitzende Saskia Esken teilte bereits einen Tweet von Hüster mit den Worten: „Danke für deine Power!“ Viele Menschen, die nicht in der Pflege sind, unterstützten den Hashtag ebenfalls: „Als mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann mal zukünftiger Patient möchte ich nicht von unterbezahlten, überlasteten, unglücklichen und unzufriedenen Fachkräften behandelt werden, die sich nicht trauen Missstände offen anzusprechen“, schreibt etwa der Nutzer Morgunin.

          Sie sei von den vielen Reaktionen überwältigt, erzählt Hüster am Telefon. Streiken könne sie als Krankenschwester nicht, daher engagiere sie sich seit einiger Zeit unter ihrem Klarnamen in den Sozialen Netzwerken – eine bewusste Entscheidung: „Wir müssen raus aus der Anonymität“, sagt sie. „Nur dann kann sich etwas ändern.“ Solange viele Kolleginnen und Kollegen mit Abmahnungen, Kündigungen oder ausbleibenden Vertragsverlängerungen rechnen müssten, sei das aber schwer.

          „Whistleblower sind nicht „selbst schuld“ oder „Nestbeschmutzer“, kritisiert deshalb „DiePflege.org“, ein Zusammenschluss von Pflegekräften. „Wir brauchen starke Stimmen – für uns als Pflege & für euch als Patienten! (...) Seid mit uns laut“, hieß es weiter.

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