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F.A.Z. exklusiv : Ist eine Zinssenkung wegen des Coronavirus möglich?

Wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Zinsen schon bald nochmal senken? Bild: Reuters

Eine Umfrage unter Ökonomen und Analysten zeigt: Es wird nicht ausgeschlossen, dass die EZB-Chefin Christine Lagarde die Zinsen noch weiter senkt. Manche meinen sogar, schon im April.

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          Viel ist in letzter Zeit darüber diskutiert worden, ob die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem Einlagenzinssatz von minus 0,5 Prozent noch Spielraum für weitere Zinssenkungen hätte. Der Ökonom Karsten Junius von der Bank Sarasin beispielsweise hat unlängst die Auffassung vertreten, ökonomisch sei zwar eine weitere Senkung der Zinsen noch möglich und auch noch nicht vollkommen wirkungslos – aber politisch wäre es schwer, dafür noch Akzeptanz zu finden, da sei die EZB „am Limit“. Die Frage ist aber offenkundig sehr umstritten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jetzt sorgen das Coronavirus und seine Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft und damit die Weltwirtschaft in aller Welt für Verunsicherung. Zahlreiche Vertreter von Notenbanken, darunter Fed-Chef Jerome Powell, haben durchblicken lassen, dass sie die Entwicklung auch unter geldpolitischen Gesichtspunkten sehr aufmerksam verfolgen.

          Zumindest gestreift haben das Thema auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde („Das Virus sorgt für weitere Unsicherheit“) und EZB-Chefökonom Philip Lane („ein ziemlich ernster kurzfristiger Schlag“). Die EZB-Vertreter scheinen das Phänomen aber zunächst tendenziell für vorübergehend zu halten, was dann gegen geldpolitische Reaktionen sprechen könnte. Aber diese Einschätzung muss natürlich mit dem Andauern der Epidemie nicht so bleiben.

          Zehn Basispunkte weiter ins Minus, meint die Allianz 

          Die F.A.Z. hat Ökonomen und Finanzmarktteilnehmer gefragt, ob es aus ihrer Sicht überhaupt denkbar wäre, dass die EZB die Zinsen jetzt noch weiter senkt. Die Reaktionen fielen zumindest nicht so eindeutig aus, wie man es vielleicht hätte meinen können. „Es ist natürlich alles davon abhängig, wie sich der weitere Verlauf der Coronavirus-Epidemie gestaltet“, sagte Ludovic Subran, der Chefvolkswirt der Allianz. Aber schon jetzt sei klar, dass das Coronavirus die Hoffnungen auf eine Erholung von Industrie und Handel im ersten Halbjahr 2020 zunichtegemacht habe. „Wir gehen von einer Zinssenkung der EZB um zehn Basispunkte im April 2020 aus und erwarten ein verlängertes Quantitative Easing bis Jahresende.“

          ZEW: Zinssenkung wahrscheinlicher als mehr Anleihekäufe 

          Auch Stefan Bielmeier, der Chefvolkswirt der DZ Bank, meint, die EZB werde die Zinsen weiter senken, wenn das Coronavirus zu einer deutlichen Eintrübung des wirtschaftlichen Umfelds führe. „Dabei könnte sich die EZB für mehrere kleinere Zinsschritte entscheiden.“ Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat dabei ein Argument, warum eine Zinssenkung der EZB wahrscheinlicher sei als eine Ausweitung der Anleihekäufe: „Beim neuen Personal im EZB-Direktorium gibt es eher Vorbehalte gegen eine Ausweitung der Staatsanleihekäufe als gegen eine weitere Zinssenkung.“ Komme es zu einem Corona-Schock, könnten die Zinsen auch noch tiefer fallen – die Schweiz habe vorexerziert, dass minus 0,5 Prozent beim Einlagenzins keine Untergrenze sei.

          Commerzbank noch skeptisch

          Die Commerzbank scheint skeptischer zu sein, dass es dazu kommt. „Sofern die Lieferketten halten, dürften die westlichen Volkswirtschaften von dem temporären Produktionsausfall aus China nur wenig spüren“, meint Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. Das sehe die EZB offenbar ähnlich, da Chefvolkswirt Lane ja erklärt habe, das Coronavirus könne kurzfristig ziemlich schwerwiegende Auswirkungen auf die Eurowirtschaft haben, danach aber erwarte er eine Gegenbewegung, so dass auf Jahressicht die Auswirkung auf die Gesamtwirtschaft „vermutlich relativ gering“ sein dürfte. In diesem Fall sei es wenig wahrscheinlich, dass die EZB die Geldpolitik nochmals lockert.

          Ähnlich schildert das Stefan Schneider, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank: „Das Coronavirus stellt natürlich für die Geldpolitik ein schwer abzuschätzendes Risiko dar.“ Trotzdem dürfte die EZB wohl zunächst von einem nur temporären Effekt ausgehen, der damit auch keine geldpolitischen Maßnahmen rechtfertigt – es sei denn, es käme zu einer deutlichen Verschlechterung der Finanzmarktbedingungen, was derzeit aber nicht zu erkennen sei: „Erst wenn zu befürchten wäre, dass auch die mittelfristigen Wachstumsaussichten, also die Erwartungen für das Bruttoinlandsprodukt, über 2020 hinaus revidiert werden müssen, dürfte die EZB handeln.“

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