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Chaos am Frankfurter Flughafen : Kontrollverlust in Terminal 1

  • -Aktualisiert am

Tausende Passagiere mussten stundenlang am Frankfurter Flughafen warten. Bild: Helmut Fricke

Nach München nun auch Frankfurt: Am Flughafen herrscht nach einer Sicherheitspanne stundenlanges Chaos. Viele Reisende wissen noch immer nicht, wie es für sie weitergeht – und wo sie die Nacht verbringen werden.

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          Dirk Vercruysse kennt sich aus mit Ausnahmezuständen an Flughäfen – und zwar mit richtigen. Der Belgier war bei den Terroranschlägen in Brüssel 2016 als Soldat im Einsatz. „Wir haben drei Tage lang nicht geschlafen“, sagt er. Am Dienstagmittag steht er im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, das gegen 11.30 Uhr in Teilen geräumt wurde, weil eine Familie aus Frankreich unberechtigterweise in den Sicherheitsbereich eingedrungen war. „Wir sind kurz nach 13 Uhr angekommen und sollten nur zwischenlanden auf dem Weg nach Barcelona“, sagt Vercruysse. „Stattdessen hat uns eine Horde schwerbewaffneter Polizisten Richtung Ausgang gejagt. Und jetzt stehen wir hier seit mehr als einer Stunde, und keiner sagt uns, wie es weitergeht. Meine Tochter in Belgien weiß mehr als wir hier.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Beschwerden des Belgiers wiederholt so gut wie jeder Passagier, den man im Terminal anspricht. Thomas Lentz aus Frankfurt wollte nur kurz das Auto seiner Schwägerin abholen, die mit ihrer Familie nach Schanghai will. „Jetzt stehen die irgendwo an der Tankstelle, weil sie die Polizei nicht weiterlässt. Und hier kann mir niemand sagen, wie es weitergeht.“ Sauer ist Lentz, weil es eine ähnliche Situation erst kürzlich am Münchner Flughafen gab. Am 28. Juli war eine Frau dort gegen sechs Uhr morgens unkontrolliert durch eine Kontrollschleuse gelangt. Daraufhin wurde das Terminal für Stunden gesperrt. „Danach könnte man als Flughafen ja mal prüfen, wie man auf so eine Situation vorbereitet ist“, sagt Lentz. „Hier wirkt es eher wie ein Test: Ich erzähle den Leuten mal nicht, was los ist, und schaue, was passiert.“

          Wenig später bricht im Terminal kurz Jubel aus, nach drei Stunden ist es wieder freigegeben worden. Man sei von der Bundespolizei informiert worden, dass die Abfertigung in Kürze wieder aufgenommen werde, teilt die Lufthansa mit. Auslöser der Räumung war laut Bundespolizei der Fehler einer Luftsicherheitsassistentin: „Trotz positiven Sprengstofftests wurde eine vierköpfige französische Familie in den Sicherheitsbereich entlassen. Die Familie wurde gefunden, befragt und durfte weiterreisen.“

          Am Flughafen geht das Chaos auch nach der Freigabe des Terminals weiter. Betroffen sind nach Informationen eines Fraport-Sprechers hauptsächlich Flüge der Lufthansa, die am Terminal 1 abgefertigt werden. Insgesamt etwa 60 Flüge werden wegen der Sperrung bis zum Abend annulliert. Rund 13.000 Passagiere sollen betroffen sein. Vielen Reisenden wird mitgeteilt, dass ihre Flüge voraussichtlich auf den nächsten Tag verschoben werden müssten. Der Krisenstab der Lufthansa bucht vorsorglich Hotels im ganzen Rhein-Main-Gebiet, um gestrandete Passagiere unterbringen zu können.

          Aber eben nicht für alle. Solmoy Vangsnes aus Norwegen sitzt gegen 15 Uhr vor dem Eingang zum Sicherheitscheck auf einem Gepäckwagen. „Man hat uns gesagt, dass wir jetzt reindürfen – aber dass man uns nicht sagen kann, wie es danach weitergeht“, sagt sie. „Deswegen sollten wir lieber noch warten, bevor wir danach wieder rausmüssen.“ Thomas Fränkle aus Karlsruhe wollte eigentlich nach Portugal, um 16.30 Uhr sitzt er neben seinem Sohn auf dem Boden. „Zuerst hieß es, unser Flugzeug sei mit dem Gepäck losgeflogen. Jetzt ist das Gepäck angeblich doch wieder hier irgendwo“, sagt Fränkle. „Und meine Frau braucht dringend die Medikamente, die in dem Koffer sind. Heim nach Karlsruhe dürfen wir auch nicht, sonst verfallen unsere Flüge.“

          Auch der Flug der Frankfurter Erich und Can nach Málaga hätte am späten Nachmittag starten sollen. Stattdessen stehen sie in der Schlange vor dem Sicherheitscheck. Vorher war ihnen schon außerhalb des Flughafens der Weg zum Terminal 1 von der Polizei versperrt worden. Sie kämpften sich über das Terminal 2 in Richtung ihrer Abflughalle. „Wenn uns irgendjemand sagen würde, dass wir nach Hause gehen können, wäre es ja in Ordnung“, sagt Can. „Aber das Gate ist laut der Anzeige offen, wir haben noch ein bisschen Hoffnung, dass es doch was mit dem Urlaub wird.“ Hinter ihnen steht Dirk Vercruysse. Er und seine Frau haben neue Tickets für spätere Flüge bekommen – und die Information, dass sie wieder durch den Sicherheitscheck dürfen. Dort bewegt sich aber so gut wie gar nichts. „Wenn das so weitergeht, verpassen wir den nächsten Flug auch noch.“

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