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Geldpolitik, ganz volksnah : Notenbanker in der Fabrik

Was die Frau in der Montagehalle wohl denkt? EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré zu Besuch in einer Vorwerkfabrik in Frankreich. Bild: EZBw

Geldpolitiker bleiben gerne unter sich. Jetzt sind sie auf eine verrückte Idee gekommen: einfach mal mit dem Volk reden.

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          Cloyes-les-Trois-Rivières ist eine rund 100 Kilometer südwestlich von Paris gelegene Kleinstadt, die neben einer Kirche, zwei Abteien und einem Schloss auch eine zu dem deutschen Unternehmen Vorwerk gehörende Fabrik beherbergt, die 330 Menschen Arbeit gibt und in der die bekannten Thermomix-Küchenmaschinen hergestellt werden. Kürzlich erhielt diese Fabrik unerwarteten und ungewöhnlichen Besuch. Denn aus dem fernen Frankfurt war Benoît Cœuré angereist, der im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Kapitalmarktgeschäfte zuständig ist. Was suchte Cœuré, der sich üblicherweise mit Vertretern der internationalen Großfinanz trifft, in der französischen Provinz?

          Er suchte den Kontakt mit dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße. „Die EZB ist weit von der realen Wirtschaft entfernt“, deklamierte Cœuré. „Für Geldpolitiker ist essentiell, dass man uns vertraut. In der heutigen Welt kann man nicht erwarten, dass die Menschen hören, was wir in einem Turm in Frankfurt erzählen. Wir haben die Pflicht zu erklären und zuzuhören.“

          Weil Cœurés Inszenierung in Cloyes-les-Trois-Rivières an einen Wahlkampfauftritt eines Politikers erinnerte, schlossen manche Beobachter, der Franzose habe mit seinem Fabrikbesuch Werbung für eine Kandidatur als Nachfolger Mario Draghis als EZB-Präsident betreiben wollen und nicht zufällig die Fabrik eines deutschen Unternehmens besucht, um sich in der Bundesregierung als Kandidat zu empfehlen. Tatsächlich ist die Frage, ob und wie Geldpolitiker mit der breiten Öffentlichkeit kommunizieren sollten, ein hochaktuelles Thema, das sich nicht auf die Eurozone beschränkt.

          „Volksweisheit“ heißt der für einen Notenbanker ungewöhnliche Titel einer hochinteressanten Rede Andy Haldanes. Er ist Chefökonom der Bank of England und einer der scharfsinnigsten Geldpolitiker unserer Tage. „Die Notenbanken müssen mit der Zeit gehen“, sagte Haldane. „Als Antwort auf gewachsene Zuständigkeiten, aber eines brüchigeren Vertrauens, meine ich, dass es einer Revolution im Verhalten von Notenbanken bedarf.“ Haldane weiß, dass Geldpolitiker üblicherweise das Wort „Revolution“ meiden wie der Teufel das Weihwasser. „Dies erfordert von den Notenbanken, sich stärker als jemals zuvor mit der breiten Öffentlichkeit und ihrer Volksweisheit einzulassen und sich auf sie zu stützen“, fuhr Haldane fort.

          „Soll Mario Draghi twittern wie Donald Trump?“

          Unumstritten ist diese Ansicht nicht in einer Szene, die der frühere EZB-Präsident Jean-Claude Trichet als „wahre Bruderschaft“ bezeichnet. Die Anthropologin Annelise Riles, die Geldpolitiker seit zwei Jahrzehnten genau beobachtet, sieht Anzeichen für ein ausgeprägtes Kastendenken, das sich unter anderem an einer einheitlichen Kleidung – konservative Anzüge mit dunkler Krawatte – zeige. Notenbanker betreiben Politik, aber nach ihrem traditionellen Selbstverständnis sind sie von gewählten Politikern delegierte Sachwalter des öffentlichen Interesses in Fragen der Geldwertstabilität mit gesetzlich definierten Mandaten. Daher müsse sich ihre Öffentlichkeitsarbeit von jener gewählter Politiker unterscheiden, lautet ihr Credo. „Soll Mario Draghi twittern wie Donald Trump?“, fragt der frühere EZB-Chefökonom Otmar Issing provozierend. Seine Antwort ist klar – natürlich nicht.

          Doch die Zeit ändert sich im Sinne Haldanes: Heute sind die wichtigen Notenbanken als Institutionen längst auf Twitter, und auch als Individuen lassen sich einzelne Geldpolitiker auf dem Kurznachrichtendienst blicken. Zu ihnen zählt mit Neel Kashkari der Präsident der Federal Reserve Bank in Minneapolis; nicht zufällig ein Vertreter der jüngeren Garde.

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