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Manifest der 185 : Selbstbewusstsein und Kalkül

  • -Aktualisiert am

Bunt und divers: LGBT-Walk 2017 Bild: EPA

185 Schauspielerinnen und Schauspieler outen sich als schwul, lesbisch, bi, queer, nicht-binär und trans. Sie kritisieren verschlossene Türen in Sendern und Theatern und fordern mehr Sichtbarkeit für ihre Geschichten ein. Ist die Klage berechtigt?

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          Über Scarlett Johansson erging 2018 ein Twittergewitter, als sie eine Figur spielen wollte, die nicht ihrer privaten sexuellen Orientierung entsprach. Sie zog zurück. Spätestens als sie argumentiert hatte, jeder solle doch jede Rolle spielen dürfen, war ihre Position – heterosexuelle Schauspielerin als Transmann – nicht mehr zu halten. Ulrike Folkerts, die sich vor mehr als zwanzig Jahren als lesbisch outete und zu den dienstältesten Kommissarinnen im deutschen Fernsehen gehört, würde Johanssons Argumentation sicherlich zustimmen. Denn von ihr ist gerade dieselbe Klage zu hören: „Es ist mein Beruf, alles zu spielen, alles! Ohne es zu sein!“ Aufgrund ihrer Homosexualität jedoch werde sie von Castern etwa als Mutter nicht besetzt. Dabei träume sie von Rollen wie Frances McDormand in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“.

          Nun, es braucht durchaus Selbstbewusstsein, um sich mit einer der größten Schauspielerinnen des Universums zu vergleichen, aber Folkerts hat auch bislang an Schüchternheit nicht gelitten, zum Glück! Natürlich hat ihre Lena Odenthal immer mal wieder Männer geküsst. Den Zusehenden wird selbst beim Massenspektakel „Tatort“ also zugetraut, zwischen privat und professionell zu unterscheiden. Umso widersprüchlicher mutet daher das „Manifest“ von 185 Schauspielern im „SZ-Magazin“ an, die so gar nichts von der Lena-Ulrike-Odenthal-Folkerts’schen Robustheit haben. Die ein- wie vierzehnseitige Klage ist bunt wie vielfältig: dass Schwule, Lesben, Bi, Queer, Nicht-binäre oder Trans nicht sichtbar seien, darum geht’s. Weil sie sich, oft aus Karrieregründen, nicht trauten, ihre Sexualität publik zu machen (während sie sich am Gorki-Theater wiederum dazu genötigt fühlten). Auch finden sie, dass ihre Welt in Kino, Fernsehen und Theater unerzählt bliebe.

          Wir haben abgetrieben

          Natürlich lassen sich Gegenbeispiele von Hollywood bis „Soko“ finden, und dass Unterzeichner wie Ulrich Matthes, der natürlich ungezählte Familienväter spielte, oder auch Udo Samel, Mavie Hörbiger oder Maren Kroymann an Unterbeschäftigung litten aufgrund verschlossener Türen, hat ihre Dauerpräsenz nicht vermuten lassen. Womöglich sind ja die Türen, die sie „aufmachen wollen“, bereits sperrangelweit offen. Vielleicht aber quietschen sie auch noch gehörig.

          So könnte man das Manifest der 185 durchaus als Gesprächsangebot aufgreifen. Nur zu. Die Diskussion wird längst geführt. So hat der wichtigste deutsche Produzent Nico Hofmann gerade eine Selbstverpflichtung in Sachen „Diversity“ ausgerufen, die er so orthodox auslegt, dass Dominik Graf schon eine „Zensur der Stoffe“ befürchtet. Auch das SZ-Hochglanzmagazin schmückt sich mit Diversität. Was dort befremdet, ist die Aufmachung, die nicht nur im Layout der vielen kleinen Porträts, sondern auch in der Wortwahl – „Wir sind schon da“ – auf den legendären „Stern“-Titel „Wir haben abgetrieben“ anspielt. Da zeigt sich Kalkül im Ringen um Aufmerksamkeit bei Verkennung der Verhältnisse. Als sich am 6. Juni 1971 im „Stern“ 374 Frauen öffentlich dazu bekannten, abgetrieben zu haben, verstießen sie damit gegen geltendes Recht und riskierten viel – nicht zuletzt mehrjährige Haftstrafen. Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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