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Salzburger Festspiele : Stolze Herrin ihres eigenen Scheiterns

Man kann die Ungerechtigkeit der Welt herausschreien, doch kleiner wird sie dadurch nicht: Lina Beckmann als Rose Bernd Bild: dpa

Karin Henkel inszeniert in Salzburg Gerhart Hauptmanns Kindermörderinnendrama „Rose Bernd“ mit großer psychologischer Kraft. Und Lina Beckmann besticht dabei mit ihrem kompromisslosen Körperspiel.

          4 Min.

          Sie will kein Mitleid. Sie will keine Tränen. Allein lassen mit ihrem Schicksal soll man sie. Es ist ihre Sache, ihr Schmerz. Da können die anderen noch so heftig auf sie einreden – mit ihrer Schuld kann nur sie selbst fertig werden. Sie hat einen besonderen Stand, diese Rose Bernd, dieses „kräftige Bauernmädchen von zweiundzwanzig Jahren“, sie gehört zu den Verfemten, den Aussätzigen, von der Dorfgemeinschaft Ausgeschlossenen. Weil sie sich hat treiben lassen, zu stark „ausamüsiert“, wie das Gerücht geht, und jetzt ein Kind im Bauch trägt, das nicht von ihrem Verlobten gezeugt ist.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Trotzdem: Um keinen Preis Opfer sein. Den Kopf oben behalten. Stark bleiben. Bis zum Schluss. Im Stück gehört dem einfältig einsichtigen und sanftmütigen Verlobten August das letzte Wort: „Das Mädel, was muß die gelitten han.“ In der Inszenierung von Karin Henkel spricht die gebrochene Verbrecherin den letzten Satz: „Ich bin stark gewesen.“ Allein steht sie auf der Bühne, barfuß, im weißen Unterkleid, mit einem zusammengekratzten Rest Stolz in der Stimme. Richtet sich noch einmal auf. Gibt sich als Unbeugsame. Und bricht dann doch zusammen: „Nu bin ich schwach! Itze bin ich am Ende.“

          Ihr Ruf liegt in seinen Händen

          Lina Beckmann ist keine Rose Bernd, wie sie im Buche steht. Mit aller Kraft spielt sie gegen die typischen Charakterzüge ihrer Rolle an. Gegen die Schwäche und Passivität, die ihr von Hauptmann zugeschrieben sind. Beckmann gibt die Rose als eine trotzig Emanzipierte, als Herrin ihres eigenen Scheiterns. Noch im herzzerreißenden Geständnis des Kindsmordes schwingt die Genugtuung darüber mit, doch den Ausbruch aus der dörflichen Enge gewagt zu haben. Aus der stillen Kammer hinausgetreten zu sein und sich auf dem weiten Feld der freien, lustvollen Liebe hingegeben zu haben. Selbstbestimmt. Aus eigenen Stücken.

          Diese charakterliche Verstärkung der Hauptfigur ist die entscheidende und einzige Vergegenwärtigung, die Karin Henkel sich in ihrer eindrucksvoll aufrührenden Salzburger Inszenierung erlaubt. Darüber hinaus hält sie Hauptmanns 1903 – aus eigener Erfahrung als Geschworener bei einem Prozess gegen eine junge Kindesmörderin – geschriebenes Schauspiel streng auf Distanz, verzichtet auf plakative Modernisierung und falschen Zeitgeist. Die Bühne ist ein schwarzer, oktogonaler Guckkasten, aus dem über Schotter und Gleise ein hölzerner Steg in den Zuschauerraum hineinragt. An dessen Ende steht, unter fallbeilartig dauerkreisenden Ventilatoren, ein Kruzifix.

          Vor dem hat es Rose mit dem Dorfschulzen Christoph Flamm getrieben, beobachtet vom scheußlich-schmierigen Maschinisten Arthur Streckmann, der sie mit seinem Wissen nun erpresst. Ihr Ruf liegt in seinen Händen, und so sehr Rose auch droht, besticht und bettelt, er wird ihn schon bald gnadenlos in den Dreck werfen. Nicht ohne ihr vorher auch selbst noch Gewalt anzutun. Aber so aggressiv und brutal Gregor Bloéb diesen Streckmann auch gibt – breitbeinig, mit blitzblank rasiertem Undercut und gestählter Brust, die Stimme so tief und testosterongeladen, als käme sie direkt aus den Genitalien –, wirkt er doch rechtschaffen harmlos. Er ist Rose unterlegen, behauptet eine Kraft, die er nicht hat. Ebenso wie ihr spastisch zuckender Verlobter August (mit energischer Hilflosigkeit gespielt von Maik Solbach), der am liebsten den ganzen Tag Bibelverse rezitiert.

          Der gesellschaftliche Zwang zerreißt ihr alle Züge

          Kein Mann ist dieser Rose wirklich gewachsen, auch nicht der ehemalige Geliebte und Kindeserzeuger Flamm, den Markus John unentschlossen zwischen Anteilnahme und Gleichgültigkeit gibt. Nur dessen gelähmte, immer wieder in ein vergittertes Bett gesperrte Ehefrau kann Rose aus der Fassung bringen. Nur vor ihr (sinnkräftig kühl: Julia Wieninger) legt sie für kurze Zeit alle Schutzschilder ab, die sie sonst vor sich herträgt, und wird zum traurigen Kind. Sie, die „nie ein Mensch genug liebgehabt hat“, die kein Vertrauen kannte, offenbart sich der Geschlechtsgenossin, nur um gleich darauf wieder zu bekräftigen, dass sie sich durch ihr Leid „allein durchfressen“ muss.

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