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Manu Chaos „Clandestino“ : Das Land hinter mir brennt

Manu Chao spielte in diesem Jahr nur ein einziges Europa-Konzert. Bild: Picture-Alliance

Vor zwanzig Jahren schrieb Manu Chao seinen Flucht-Song „Clandestino“. In diesem Sommer hat er ihn neu aufgelegt und bei einem einzigen Europa-Konzert gespielt. Der Zeitpunkt stimmt – wieder einmal.

          Als der Sommer gerade begann, legte Manu Chao, der größte singende Globalisierungskritiker der Jahrtausendwende, eine neue Version seines zwanzig Jahre alten Songs „Clandestino“ auf. Zu hören ist die bewährte Kombination aus Latin-Gitarre und gepresster Kermit-Stimme – und Calypso Rose, eine 78 Jahre alte Sängerin aus Trinidad und Tobago. Das Ganze wäre nicht weiter aufgefallen, hätte der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht so gut gepasst. Wochen vorher hatte in Spanien die ausländerfeindliche Partei Vox bei ihren ersten Parlamentswahlen zehn Prozent der Stimmen erhalten. Und Italien, das Land, dem sich der in Paris geborene, galicisch-baskische Botschafter des geographischen Südens genauso zugeneigt fühlt, näherte sich einem neuen Höhepunkt in der Debatte über die Seenotrettung. „Ich bin ein Fleck im Meer, ein Gespenst in der Stadt“, singt also Manu Chao. „Mein Leben ist verboten, sagen die Behörden.“

          Hymne der Verlorenen

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Clandestino, das ist der Versteckte, der Illegale ohne Rechte, zur Rastlosigkeit Verdammte, der sein Leben zwischen der spanischen Exklave Ceuta und Gibraltar zurückgelassen hat und nun auf sich allein gestellt umherirrt. „Clandestino“, das war 1998 auch Manu Chaos erstes Soloalbum nach der Auflösung seiner in Lateinamerika überaus erfolgreichen Band Mano Negra. Ein Song, der von den französischen Privatradios zunächst nicht und dann, zur Hymne der Verlorenen geworden, millionenfach gespielt wurde, als sich Ende der neunziger Jahre Organisationen unterschiedlichster politischer Gesinnung zusammentaten, um etwas für Geflüchtete und die Lebensbedingungen von Migranten in Europa zu tun. Der Begriff Mano Negra fällt auch in diesem Song, erinnert an die afrikanischen Schwarzarbeiter auf spanischen Feldern und ihre desolaten Lebensumstände.

          Der Klang des Clandestino ist elegischer geworden. Das brasilianische Stimmengewirr hat sich aufgelöst, der Ort des Geschehens ist Europa. Die von Ska, Reggae, Salsa und Flamenco inspirierte „Mestizo“-Gitarre und ihren Takt des rastlosen Umherirrens begleiten jetzt Bläser. „Wie ein Fleck“, echot der Chor. Dann schaltet sich, auf Englisch deklamierend, die Calypso-Sängerin ein und drängt die Erzählung aus dem Schatten des Unkonkreten: „Das Land vor mir will mich nicht, das Land hinter mir brennt. Auf der See bin ich mit ungewissem Ziel gefangen.“ Calypso Rose setzt sich in ihrem Heimatland für Marginalisierte ein, Manu Chao, der selbst seit zwölf Jahren keine neue Platte mehr veröffentlicht hat, wirkte an den Aufnahmen zu ihrem Album „Far from Home“ mit. Aus dem heimatlosen Wanderer in der Stadt wird in der gemeinsamen Interpretation von „Clandestino“ ein Verlorener auf dem Meer, und dass seine Zerrissenheit spürbar wird, ist auch Calypso Rose zu verdanken.

          Mit öffentlichen Aussagen hat sich Chao, Sohn eines vor der Franco-Diktatur nach Paris geflüchteten Journalisten, seit Beginn seiner Karriere zurückgehalten. In Europa gab er in diesem Jahr ein einziges Konzert: Er sang „Clandestino“ vergangene Woche unangekündigt, begleitet nur von einer Ukulele, auf dem No Borders Music Festival im Kanin-Gebirge an der italienisch-slowenischen Grenze. In diesen Tagen warteten die Schiffe zweier Hilfsorganisationen auf die Erlaubnis, mehr als hundert gerettete Flüchtlinge in italienische Häfen zu bringen. Manu Chao sagte dazu nichts. Auf seiner Website kündigte er lediglich „mehr aus Clandestino-Zeiten“ an.

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