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Album der Woche : Wenn einfach schwebt, was humpeln müsste

Wenn Brad Mehldau von Bach spricht, nennt er die Einflüsse, die der Komponist auf sein Spiel und seinen Stil hatte. Bild: Michael Kretzer

Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ ist ein Höhepunkt der Tastenkunst. Jetzt hat sich der Jazz-Virtuose Brad Mehldau mit einigen der Präludien und Fugen beschäftigt und eine erhellende Antwort gefunden.

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          Wenn Brad Mehldau Bach spielt, scheint ein Licht durch die rund dreihundert Jahre alten Präludien und Fugen: Manche Interpreten unserer Zeit legen am liebsten das Kristalline der Kompositionen frei, ihre Struktur, spielen sie spitz, schlank, strahlend. Andere geben ihnen Fülle und Gewicht, werden flächig und voll. Bei Mehldau ist es ein Schimmern. Das Organische Bachs steht bei ihm vor der meisterlichen Mechanik, vor der Vollkommenheit das Wissen darum, dass es menschengemacht ist. Im Präludium Nr. 3 Cis moll aus dem „Wohltemperierten Klavier“ nimmt sich der Pianist die Freiheit eines Ritardandos mitten im Stück, bevor er das Anfangsthema wieder aufgreift: ein diskreter Schwung, ein feines Atem- oder Lebenszeichen, ein Zwinkern.

          Freiheit im Umgang mit Bach

          Wenn Brad Mehldau mit seinem neuen Solo-Album auf Bach antwortet, setzt er einen Meilenstein in der jahrzehntealten Tradition der Beschäftigung von Jazz-Pianisten mit dem Werk des Barockkomponisten, die von der Klarheit, mit der sich Keith Jarrett mitunter ganz in den Dienst Bachs stellt, bis zu der Jazz-Gefälligkeit weist, mit der Jacques Loussier seine Improvisationen auf den Werken Bachs aufsetzt. Welch bedeutende Rolle Bach in ihrer musikalischen Entwicklung gespielt hat, werden viele Jazz-Musiker bezeugen. Brad Mehldau etwa spricht von wesentlichen Einflüssen auf sein Spiel, auf seinen Stil.

          Was sein neues Album „After Bach“ zu etwas Besonderem macht, ist die Freiheit, die sich der 47 Jahre alte Pianist und Komponist aus Florida in seiner Beschäftigung mit Bach nimmt: Auf fünf Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“, vom Komponisten nach Selbstauskunft „zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen musicalischen Jugend, als auch derer in diesem Studio habil Seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertigt“, lässt Mehldau eigene Inventionen folgen, die elegant und eigenwillig an Rhythmen und Rhetorik der Barockwerke anknüpfen.

          Den nicht einmal anderthalb Minuten des Präludium Nr. 3 Cis moll lässt Mehldau ein eigenes, über acht Minuten langes Rondo folgen, in dem er die Arpeggien des Präludiums aufnimmt und sie zugleich in einem wesentlichen Detail verändert: Aus dem 3/8-Takt Bachs macht er einen Fünfer, verstärkt so die Unwucht ins Abstrakte. Er gibt die Eigenständigkeit der Stimmen ab, um mit Clustern zu rhythmisieren. Statt in der harmonischen Fortschreitung der geometrischen Strenge Bachs zu folgen, nimmt er sich eine formale Schlichtheit heraus, die allerdings nie schal wirkt.

          Hätte Bach heute so gedacht, so komponiert? Das darf man bezweifeln, es sei denn, er hätte sich weit von seiner Vorliebe für konzeptionelle Musik und harmonische Wandlung verabschiedet. Aber er hätte sein Vergnügen gehabt an den selbst- und formbewussten Einfällen des Kollegen, an der gewitzten, oft packenden Art, mit der sich Mehldau von seiner Ursprungsinspiration Bach entfernt, um doch in Sichtweite zu bleiben. Und an der wohl stärksten Verbindung der beiden Komponisten, über die Jahrhunderte: dem Erhellenden auch dieser Musik.

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