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Organspende bei Jugendlichen : Erschreckend einfach

Ein Kreuz und eine Unterschrift von Sechzehnjährigen genügen auf dem Organspendeausweis. Bild: dpa

Vom 16. Lebensjahr an dürfen Jugendliche einen rechtlich bindenden Organspendeausweis unterschreiben. Eltern haben keinen Einfluss darauf. Diese Praxis ist voller Widersprüche.

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          Sammelbestellung in der elften Klasse eines mitteldeutschen Gymnasiums. Zwei politisch interessierte Oberstufenschüler haben es sich zur Aufgabe gemacht, Gratismaterial zur politischen Bildung im Internet anzufordern und unter den Mitschülern zu verteilen. Sie haben bereits hundertfünfzig Exemplare des Grundgesetzes unter die Leute gebracht – und zuletzt Organspendeausweise im großen Stil. Dazu bedarf es auf der Homepage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur weniger Klicks. Das Thema Organspende ist im schulischen Unterricht besprochen worden, offenbar in einer Weise, die zu keinen großen Berührungsängsten mit den orange-gelben Plastikkarten geführt hat, obwohl auf ihnen so gewichtige Sätze angekreuzt werden können wie „Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden“.

          Jedenfalls fanden die Organspendeausweise geradezu rasenden Absatz auf dem Schulhof. Natürlich, junge Menschen wollen helfen, wenn man sie darauf anspricht. Sie fühlen sich gut in der ungewohnten Situation, folgenschwere menschenfreundliche Entscheidungen zu treffen. Und was ihre eigenen Organe und Gewebe angeht, haben sie tatsächlich die Entscheidungsgewalt. Mit vierzehn sind sie dazu berechtigt, einer Organspende schriftlich zu widersprechen, als Sechzehnjährige dürfen sie dieser bereits zustimmen, eine Genehmigung der Eltern ist nicht nötig, der Spendeausweis rechtlich bindend. „Informieren Sie Ihre Angehörigen“, heißt es auf organspende.info, doch der Satz bekommt einen anderen Klang, wenn er sich an Teenager richtet. Was ist, wenn sie es, etwa aus Scham, nicht tun – und Eltern, die den Hirntod ihres Kindes verschmerzen müssen, plötzlich vom behandelnden Arzt erfahren, dass es einen Spenderausweis mit sich trug?

          Glücklich, wer vorab vom eigenen Kind informiert wird, so dass er es fragen kann: Warum hast du auf dem Ausweis nicht angekreuzt, dass deine Eltern die Entscheidung treffen sollen, um letzte Unsicherheitsfaktoren auszuräumen? Hältst du es für ausgeschlossen, dass Hirntote zum Beispiel Schmerzen empfinden? Was bedeutet deine Entscheidung für die Trauerbewältigung? Mit Erschrecken wird man feststellen, wie wenig das Thema von jugendlichen Spendewilligen gedanklich ausgelotet wurde und übrigens auch von einem selbst. Ist es nicht ein Privileg, im Zuge des eigenen Ablebens ein anderes Leben zu retten?

          Und dennoch stecken viele Widersprüche in der leichtgemachten Entscheidung: Mit sechzehn Jahren ist man noch nicht voll geschäftsfähig, man darf noch kein Auto fahren und nur eingeschränkt politisch wählen. Wertpapiere dürfen nur verkauft werden, wenn sie von einem ausführlichen Beratungsprotokoll begleitet werden. Und bei einer Organspende sollen ein Kreuz und eine Unterschrift genügen? Das ist ähnlich unkompliziert, wie den Datenschutzbestimmungen einer Social-Media-Plattform zuzustimmen. Dabei wäre es ein Leichtes, die Entscheidung zur Organspende zumindest für Teenager angemessen zu erschweren. Ein Testament dürfen Sechzehnjährige ja auch nur „öffentlich“ und nicht schriftlich niederlegen. Denn der fachmännische Rat eines Notars soll dabei sichergestellt sein. Vergleichbares sollte es bei der Organspende von Teenagern geben.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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