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CDU-Vorsitz : Erst der Erste

  • -Aktualisiert am

Norbert Röttgen am Mittwoch in Berlin Bild: dpa

Norbert Röttgen kandidiert für den CDU-Vorsitz. Es ist eine ganz und gar unaufregende Personalie – aber ist das nicht genau das, was wir jetzt brauchen?

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          Es gibt Menschen, die machen die verrücktesten Sachen: beim Italiener eine Pizza bestellen, ohne Fahrrad Bahn fahren oder, noch verrückter, im Winter warme Socken anziehen. Dergleichen wirkt in Zeiten, in denen vieles zweckentfremdet oder jedenfalls irgendwie anders gemacht wird, schon beinahe querdenkerisch. Aber warum nicht? Warum nicht einfach mal das Naheliegende tun? Zum Beispiel: Die Macher der Fernsehserie „Mordkommission Istanbul“ nannten schon deren zweite Folge ohne alle Scheu vor dem Redundant-Tautologischen, dem Odium des durch und durch Normalen, Unausgefallenen „Mord am Bosporus“ (so gesendet am 5. November 2009 im Ersten). Man versteht das auf Anhieb: Istanbul, Bosporus, klare Sache und damit hopp. Auch gut: In einer süddeutschen Universitätsstadt gibt es ein spanisches Restaurant, das heißt Olé-Olé, wirklich wahr.

          So ein Verzicht auf Hintergedanken, auf Ablenkmanöver, die Bereitschaft mithin, nicht witzig sein zu wollen, hat zweifellos etwas Erfrischendes und ist wohl nur denen möglich, die mit sich im Reinen und im Ganzen recht zufrieden sind. Auf diese Weise holt man die Menschen dort ab, wo sie inzwischen meistens gar nicht mehr stehen – eine Sachlage, der sich natürlich auch die Politik ausgesetzt sieht und die mitursächlich ist für die um sich greifende Ratlosigkeit der Parteien. Nicht nur, dass sie nicht mehr wissen, was sie den Leuten noch anbieten wollen oder können; es hakt schon bei der Frage, wie sie überhaupt noch das Personal dafür finden könnten. Es gehört dabei zu den Spielregeln, dass gerade diejenigen, die es am meisten (werden) wollen, dies am wenigsten beziehungsweise überhaupt nicht sagen, sondern erst einmal abwarten, was passiert und wer so alles aus der Deckung kommt, um dann natürlich augenblicklich schlechtgeredet zu werden, woraufhin es auch die noch still Haltenden mit der Angst zu tun kriegen, bis es irgendwann gar keiner mehr machen will, jedenfalls nicht alleine, und alle nur noch von „Team“ sprechen.

          Das ist Politik, das ist politisches Denken, wir werden es nicht ändern. Norbert Röttgen jedoch – bewirbt sich jetzt einfach. Das muss man sich mal vorstellen: Der Mann, der unter seinem Jungennamen „Muttis Klügster“ das Pech hatte, wie eine Zukunftshoffnung zu wirken, und dann auch bei erster Gelegenheit abgesägt wurde, bewirbt sich ganz normal um den CDU-Vorsitz! Da sage noch einer, das Leben selbst schreibe nicht die allerverrücktesten Geschichten. Aber es kommt noch verrückter: Ruhig, seriös und absolut unmissverständlich sagt er auch noch, was er will und was er nicht will, ohne Rücksicht auf irgendwelche Proporze oder auch Popanze namens „vornehme Zurückhaltung“, auch „Taktik“ genannt. Es war absehbar, dass dies, mehr noch als neulich die ja auch schon recht kühne, hauptsächlich aber sehr kopflose thüringische Kemmerich-Kandidatur, die Republik ins Mark treffen, wenn nicht in ihren Grundfesten erschüttern würde. So viel Entschlossenheit, so viel Klarheit ist man nicht mehr gewohnt. Die CDU hat jetzt den Salat. Noch ist Röttgen ja erst der Erste. Dabei kann es ruhig bleiben.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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