Salzburger Festspiele : Die kristallbestickte Frau in der Wüste

Anna Netrebko singt mit ihrer Wunderstimme Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ im Großen Festspielhaus. Es ist das Luxuspaket des ganz großen Opernkinos.
Kurz vor Ende der Oper hat sich einer der diversen Textdichter – sieben waren es, so viele hatte der Komponist Giacomo Puccini in seiner Pingeligkeit verschlissen für „Manon Lescaut“ – einen naheliegenden Wortwitz erlaubt. Die Titelfigur, die vom ersten Auftreten an konsequent die gesellschaftliche Stufenleiter abwärts trippelt und quasi einen umgekehrten Bildungsroman durchläuft, sich wandelnd von der züchtigen Klosterschülerin über die berechnende Kurtisane zur verurteilten Verbrecherin, ist jetzt, im vierten Akt, im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinne, in der Wüste angekommen. Es könnte sich aber auch um einen Sumpf handeln. Laut Libretto liegt diese Wüste in Louisiana, bei New Orleans. Für Manon ist es die Endstation. Hier stirbt sie, an Durst, Hunger, Entkräftung, und singt zuvor noch knapp fünf Minuten lang die Arie „Sola, perduta, abbandonata“, gerahmt von einem herzzerreißenden Duett mit ihrem einzig wahren, doch rundheraus lebenspraktisch unfähigen Liebhaber, der sie infolgedessen auch nicht retten kann. Weshalb die Frau in der Wüste klagt, sie sei „la deserta donna“, eine verlassene Frau.





