https://www.faz.net/-gsb-78xj3

FAZ.NET-Frühkritik „Jauch“ : Vergesst Precht!

Schule, ganz anders gedacht: Richard David Precht Bild: dpa

Der Fernsehphilosoph Richard David Precht war zu Jauch gekommen, um seine hochfliegenden Reformideen für die Schule zu bewerben. Am Ende blieb davon nicht viel.

          Wer Precht einlädt, bekommt eine Schulkatastrophe serviert, aus der nur noch eine Bildungsrevolution heraushilft. Nämlich seine, Richard David Prechts. Wie das gehen wird, ist nur in aller Unschärfe bisher bekannt geworden, seit sein neues Buch erschien, auch die zahlreichen Interviews konnten wenig Klarheit schaffen. Und auch dieser Abend bei Günther Jauch konnte die Unschärfen der Prechtschen Ideen nicht klarstellen. Jedenfalls sind Noten seiner Ansicht nach ein Unheil, gehören also abgeschafft; zumal die klassischen Fächer eine Sache aus dem 19. Jahrhundert seien, also weg damit, was auch das Sitzenbleiben überflüssig mache. Dann noch deftige Polemik gegen zu viel Stoff, den die meisten alsbald wieder vergessen würden. Dafür Projekte, die einen Bezug zum Leben haben; nicht mehr in Klassen lernen, vielleicht aber jahrgangsübergreifend; Pauken ist auch schlecht und so weiter. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, bleibt schleierhaft.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Der Hamburger Schulsenator Rabe hat Precht einen Sofakritiker genannt. Und da saß er nun auf dem Sofa bei Günther Jauch, an seiner Seite Melda Akbas, die ein Spitzenabitur vor ein paar Jahren hingelegt hat und nebenher ihr erstes Buch schrieb, jetzt studiert sie, und bald erscheint ihr zweites: „Warum fragt uns denn keiner?“ Dazu Ursula Sarrazin, wohl als professionelle Gegenspielerin zum Hobbypädagogen Precht geladen, sowie der CDU-Politiker Armin Laschet, der einmal sitzengeblieben war.

          Fröhliche Sitzenbleiber

          Richard David Precht musste zu Beginn die wohl knappeste Zusammenfassung seines Schulkatastrophenbefundes und daraus folgender Revolutionsbegründung geben: Erstens gehörten deutsche Schulen im internationalen Vergleich zu den sozial ungerechtesten. Wieso und warum, das spielte fürderhin gar keine Rolle mehr. Vielleicht zum Glück. Und zweitens sei das Bildungsniveau zu niedrig, zu viel von dem, was man in der Schule lerne, werde alsbald wieder vergessen. Auch wolle er nicht generell die Klassen abschaffen, nur sollte zum Beispiel der Mathematikunterricht ab Klasse 6 in Kursen je nach Wissensstand stattfinden, weil die heterogenen Klassen Lehrer überfordern und Kindern schaden. Die sollten nach individueller Lernsoftware lernen. Was es ja durchaus gibt an guten Schulen, nur wurde darüber auch nie wieder geredet, obwohl es schon interessant wäre zu erfahren, ob es nach Prechts Kenntnis (so er die hätte) am Willen der Lehrer dazu mangelt oder an der technischen Ausrüstung oder an beidem. Ein komplexes Thema in Talkshow-Häppchen abzuhandeln, hat seine Tücken.

          Ursula Sarrazin war daran gelegen, Prechts Behauptung von der Katastrophe anzuzweifeln, Mängel gebe es – wer wollte dem widersprechen. Sie erinnerte daran, dass dieses immer als unsozial gegeißelte Schulsystem doch recht durchlässig sei und dass heute immerhin fünfmal mehr Schüler das Abitur schaffen als noch vor dreißig Jahren. Die Sache mit dem Sitzenbleiben, gerade der Renner unter Bildungsreformsüchtigen, ging eher pro Sitzenbleiben aus. Weder Armin Laschet noch der dazu geladene Schüler und Sitzenbleiber Gordian Loomans wollten seelische Schäden erlitten haben. Beide erzählten statt dessen, welchen Gewinn sie aus der Ehrenrunde geschlagen haben. Wie man das als Lehrerin befördert, konnte Ursula Sarrazin erklären.

          Die eingeblendeten Sitzenbleiber-Statistiken blieben, wohl mangels Aussagekraft, unerörtert. Was soll man auch dazu sagen, dass man in Island kaum sitzen bleibt, in Deutschland umso mehr, besonders in Bayern? Die sind doch immer ganz vorn, die Bayern? Aber über so was wird an diesem Abend schon gar nicht geredet. Dafür durfte der großartige Berliner Schulleiter Jens Großpietsch seine ganz andere (staatliche) Schule vorstellen. Etwas zu knapp, aber wer wollte, konnte verstehen, dass eine Schule wie seine, ohne Noten und Sitzenbleiber, nur so gut ist und beliebt ist, weil Großpietsch für seine Ideen ein hochmotiviertes Kollegium herangezogen hat, diese Berliner Schule also ein Ort ist, von dem viele Lehrer nur träumen können. Wie das geht oder was diese leidenschaftliche, erfolgreiche Pädagogik zur Ausnahme macht, wäre eine eigene Sendung wert. Aber das Talkshowtempo ist höllisch.

          Alles eine Frage der Perspektive

          Und irgendwie muss ja noch Prechts System besprochen werden. Richtig vorgestellt wird es trotzdem nicht. Das jahrgangsübergreifende Lernen wird gepriesen; unerwähnt bleibt, dass es gerade abgewählt wird von den Eltern und Lehrern, wo immer das geht. Dafür wird ein Film eingespielt, ein kurzer Blick in eine  private Jenaplan-Schule, auch dort kein Druck, kein Gram nirgends. Herr Precht legt nun los: Noten und Sitzenbleiben, das sei doch alles nur eine Frage der Perspektive und des Systems. Das heutige deutsche brauche halt Noten und dergleichen, sei aber aus der Vorzeit. Er will ja eine andere Schule. Jetzt kommt Skandinavien ins Spiel, dort gäbe es das alles nicht, und niemanden wundert's. Trocken bemerkt Melda Akbas, dort würde durchaus über Noten und Sitzenbleiben diskutiert, nur unter anderen Vorzeichen: Sie fehlten vielen Eltern. Und ihre sanft erzogenen Kommilitonen von den Waldorf-Schulen hätten an der Universität einige Schwierigkeiten. Warum könne es eigentlich nicht beides geben?

          Aber Richard David Precht hat für solche Halbheiten kein Ohr. Er schwärmt von Kreativität – was er damit meint, bleibt schwammig - und von seinen Projekten im Brustton eines Erfinders, der nicht bemerkt hat, wie andere ihm längst zuvorgekommen sind. Herr Precht verlangt, dass statt der Noten alle an einem „Projekt“ beteiligten Lehrer Gutachten abgeben sollten, die dann die ganze Persönlichkeit des Schülers erfassten. Das ist der Lehrerin Ursula Sarrazin suspekt. Sie beurteile die Leistung der Schüler, nicht ihre Persönlichkeit, das stehe einem Lehrer nicht zu.

          Die übervollen Lehrpläne werden erwähnt, aber Precht geht es, so sagt er jedenfalls, um etwas anderes. Die Art, wie gelernt werde, sei nicht mehr zeitgemäß. Irritierend, dass er das mit den Schulen an sich begründet, die ja aus einer Zeit stammten, so Precht, in der Kinderpsychologie noch keine Rolle gespielt habe. Meint er das Kaiserreich? Humboldt? Das ist im bengalischen Feuer der Prechtschen Revolution nicht zu erkennen. Zu erkennen ist jedoch, dass Richard David Precht nicht allzu viel weiß über die heutige Schule und ihre Schüler, wahrscheinlich nicht mal viel über frühere Bildungssysteme. Und das ist vielleicht gut so. Solche Emanzipationsbewegungen (wie seine) könne man nicht aufhalten, ruft er zum Schluss. Da tat er einem fast schon leid.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.